„Weil's einfach gut ist“

55 Jahre Apex in Göttingen – geistige und leibliche Genüsse unter einem Dach

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Kaum bin ich nach dem Studium nach Göttingen gezogen, ist das Apex meine Stammkneipe geworden. Irgendwie kein Wunder – ich wohnte um die Ecke. Nun, knappe 40 Jahre später, scheint die Kulturkneipe wie mitgewachsen. Zwar wohne ich längst nicht mehr um die Ecke. Doch wenn ich in der Stadt etwas trinken gehe, gehört die Kulturkneipe zu meinen bevorzugten Zielen. Unbestreitbarer Vorteil: Dort fühl‘ ich mich nicht alt.

 

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Mehrere Apex-Mitarbeitende sitzen an einem Tisch bzw. stehen darum herum
Alle Rechte vorbehalten — Ute Lawrenz

Wolfgang Nisch, Geschäftsführer von Apex Gastro, Stefan Dehler, Jaqueline Amirfallah und Christoph Huber (v.l.)

„Weil’s einfach gut ist“, sollte man ins Apex gehen, bestätigen mich die Küchenchefin Jaqueline Amirfallah und Christoph Huber, der zusammen mit Stefan Dehler den Vorstand des Apex-Kulturvereins bildet. Das Programm sei gut, genauso das Essen. Und natürlich auch die Leute, die ins Apex kämen. „Willst du deinen Lehrer sehen, musst du nur ins Apex gehen“, sei schon fast eine feste Redewendung, sagt Huber. „Mensch, du hier“, würden junge Aushilfen oft von ihren – auch ehemaligen – Lehrern im Apex angesprochen. In den letzten Jahren könne man im Apex ein in vieler Hinsicht gut durchmischtes Publikum finden. Zu den Jazz-Sessions beispielsweise kämen viele sehr junge Zuhörer. „Es ist eine gute Mischung“, sagt Amirfallah. Folgt man Huber, kann man ins Apex gehen, um einfach einen guten Abend zu haben. Amirfallah erzählt von Frauen, die zum Essen allein ins Restaurant kämen. Das Publikum sei rundum sehr angenehm.

Und von außen sieht man es gleich: das Apex ist nicht nur Gaststätte, sondern auch Kultureinrichtung. Für die Fernsehköchin Amirfallah gehört beides fest zusammen. Die Bereiche befruchteten einander, meint sie. Ganz gelegentlich komme der Gastraum sogar für Theaterproduktionen zum Einsatz. Ein Beispiel dafür ist „Der Krieg mit den Molchen“, eine Inszenierung, die die „Stillen Hunde“ auf die Bühne gebracht haben. Doch nur zu besonderen Gelegenheiten wird die Speisekarte laut Küchenchefin auf eine Vorstellung abgestimmt. So wurden im Rahmen einer Fußballweltmeisterschaft bei einem Spiel mit Public Viewing auf das Ereignis abgestimmte Burger angeboten. Die Organisatorin des Kulturbettriebs Petra Jans verkaufe hin und wieder nicht nur Eintrittskarten, sondern auf Anfrage auch Essensgutscheine.

Kabarettgastspiele und Konzerte von Jazz, Folk, Chanson bis Indie-Pop gehören ins Programm auf der Bühne. Daneben gibt es Theater für Kinder und auch für Erwachsene, Improtheatershows und mehr. Zum festen Repertoire gehört bis 2026 auch der Göttinger Pianist Björn Jentsch mit seinen Live-Vertonungen von Stummfilmklassikern, der am 1. Juni 2026 verstarb. Wissenschaftliche Vorträge, Diskussionsrunden und Filmvorführungen für viele Geschmäcker und jedes Alter runden das bunte Angebot ab. Das Kulturprogramm sei sehr unterschiedlich, angefangen von Stars mit Stammpublikum bis zu jungen Künstlern, die sich ausprobieren wollten, betont Dehler.

Etwa ein bis anderthalb Jahre im Voraus plane Petra Jans aus dem Team das Programm mit 160 bis 180 Veranstaltungen im Jahr, so Dehler. An den Vormittagen würden oft Theatervorstellungen für Kinder angesetzt. In Sachen Musik beschreibt der Vorstand das Apex als Ort, wo auch ältere Künstler gern auftreten würden. Genauso verfüge die Kulturkneipe über einen Stamm an erfahrenen Besuchern, Menschen mit 25 Jahren Seh-Erfahrung, die auch dann wiederkämen, wenn ihnen zum Beispiel ein junger Comedian gerade einmal nicht so gut gefallen habe. Der deutscher Stand-up- und Filmkomiker Chris Tall sei vor seinem generellen Durchbruch im Göttinger Apex aufgetreten, heute fülle er die Stadthalle. Aus alter Verbundenheit habe Martin Zingsheim nach seinen Auftritten in großen Häusern im Apex angefragt, ob er wiederkommen dürfe. In Göttingen biete nur das Nörgelbuff eine vergleichbare Atmosphäre, meint Amirfallah.

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Gregor Kilian am Klavier und Hanna Carlson mit Mikrofon in der Hand auf der Bühne des Apex
Alle Rechte vorbehalten — Petra Jans / Apex

Gregor Kilian (am Klavier) und Hanna Carlson auf der Bühne des Apex

1971, vor 55 Jahren, ist das Apex in privater Initiative mit Kunstaktivitäten aus verschiedenen Sparten gegründet worden. Vor der Umwandlung in eine Kulturgaststätte sei das Gebäude zeitweise auch als Gästehaus der Universität genutzt worden, weiß Dehler. An den Gründungstag des Apex erinnert eine Seite aus der Wochenzeitung „Die Zeit“, die Amirfallah fast schon etwas stolz hervorholt. In der Ausgabe vom 10.12.1971 wird in dieser Zeitung unter dem Titel „Die Wirtschaft hat Kultur“ in einer Meldung auf die Eröffnung des Apex zwei Tage später „als Unternehmen der 4. Art“ hingewiesen. In nur zwei Tagen sollte es so weit sein. Einige Jungakademiker hätten die ehemalige Klempnerei vom alten Eisen befreit, um dort moderne Kunst auszustellen. „Auf die Frage, ob denn in der Kreisstadt Göttingen überhaupt ein Bedarf bestehe, meint Dr. Bodenständ [Sprecher der Initiative]: „Nein!“ Dennoch zeigte er überzeugt, dass das Konzept [- mit reichlich Biervorräten -] Zukunft habe: „Glauben Sie mir, in zwanzig Jahren sprechen wir uns wieder.“ Nun sind daraus 55 Jahre geworden.

In den folgenden Jahren entwickelte sich die Kulturgaststätte unter der Leitung seines Trägervereins „pro art“ zu einem beliebten kulturellen Treffpunkt beim Publikum aus der Region. Die Kulturkneipe sei sogar zu einem überregional bekannten Anziehungspunkt für Kunstschaffende gewachsen. Sowohl im Bereich der Bildenden Kunst als auch für viele Bühnenkünstler wurde das Apex oftmals zum Karrieresprungbrett – eine Aufgabe, die es bis heute wahrnimmt.

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Titelseite der Zeit mit Artikel über die Eröffnung des Apex
Alle Rechte vorbehalten — Ute Lawrenz

Zur Eröffnung schaffte es das Apex 1971 auf die erste Seite der Wochenzeitung „Die Zeit“

Die Wirtschaft hat Kultur

Die südniedersächsische Kreisstadt Göttingen macht wieder einmal von sich reden. Zwar mit ideeller Zuneigung des Kulturdezernenten Dr. K. Schelling, jedoch unter den skeptischen Augen des Rates, der Stadtverwaltung und der Einwohner wird übermorgen die Galerie APEX eröffnet. Das ist dort ein Unternehmen der 4. Art. Einige Jungakademiker, deren Sprecher der Betriebswirt Dr. Gebhard Bodenständ ist, haben eine ehemalige Klempnerei vom alten Eisen befreit und wollen in den mit ein wenig Binderfarbe verschönten Räumen tatsächlich moderne Kunst ausstellen – und womöglich noch verkaufen. Auf die Frage, ob denn in der Kreisstadt Göttingen überhaupt ein Bedarf an moderner Kunst bestehe, meint Dr. Bodenständ: „Nein!“. Auf die anschließende Frage, ob das dann etwa ein totgeborenes Kind sei, meint Dr. Bodenständ „Ja!“ Wie wir aus gut informierten Kreisen erfahren konnten, ist das Unternehmen tatsächlich durch die Wirtschaft finanziell gut abgesichert.

Dr. Bodenständ selbst demonstriert das: „Wir haben hier einen Kühlschrank, in dem wir volle Bierflaschen aufbewahren. Wollen Sie etwa eine haben? Einemarkzehn, danke!“ Über dem Kühlschrank hängt ein Bild von Albert Dollkopf.

Dies Konzept hat Zukunft! Dr. Bodenständ: „Glauben Sie mir, in zwanzig Jahren sprechen wir uns wieder. Dann verkaufe ich Ihnen ein Buch mit dem Titel »APEX, 20 Jahre Kulturarbeit in Göttingen« oder so ähnlich, und zwar schon aus symbolischen Gründen für genau 20 Mark.“ Sagt er und holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank.

Wir wundern und freuen uns sehr über diesen Unternehmungsgeist und werden in zwanzig Jahren wieder zur Stelle sein.

Die Wirtschaft hat Kultur, Die Zeit vom 10. Dezember 1971

 

Seit dem 1. August 2011 hat mit dem Apex Kultur e.V. mit Stefan Dehler und Christoph Huber als geschäftsführendem Vorstand ein neuer Trägerverein die Geschäfte übernommen und führt den Kulturbetrieb in der Tradition der Gründer und Vorgänger fort. Wegen wirtschaftlicher Probleme sei die Stadt auf die beiden zugekommen, berichten Dehler und Huber, die vielen Göttingern noch vom Deutschen Theater bekannt waren und sind – dort hatten sie bis 2008 gewirkt – außerdem als Theatergruppe „Stille Hunde“ aktiv. Schon davor seien sie im Apex aufgetreten. Der Vorgängerverein habe damals angefragt, ob sie nicht den Veranstaltungsraum bespielen wollten.

Schwer mitgespielt hat der Kulturstätte Corona. Ein halbes Jahr länger als im Restaurant hat laut einem Bericht aus der HNA (vom 10.9.2020) der Kulturbetrieb im Apex brachgelegen. Denn der Veranstaltungsraum war zu klein, um unter Corona-Hygiene- und Abstandsregeln wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Zu Hilfe gekommen seien das Junge Theater mit seinem Saal an der Bürgerstraße sowie der Fachdienst Kultur mit dem Alten Rathaus. „Es kann wieder losgehen. Jetzt muss nur noch das Publikum kommen“, freute sich damals Christoph Huber und zieht ein Resümee:  Vor Corona seien 13.000 bis 14.000 Zuschauer jährlich in Veranstaltungen im Apex gekommen, inzwischen seien es schon wieder 10.000 bis 11.000 pro Jahr. Höchstens 95 Plätze können im Veranstaltungsraum angeboten werden.

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Die Stillen Hunde auf der Bühne des Apex
Alle Rechte vorbehalten — Petra Jans / Apex

Stefan Dehler und Christoph Huber sind nicht nur im Vorstand des Apex aktiv, sondern stehen auch selbst immer wieder mit ihren Stücken als „Stille Hunde“ auf der Bühne des Apex.

Zum Preis von 22 Euro und ermäßigt für die Hälfte können Interessierte in der Burgstraße 46 eine Vorstellung besuchen. Für Studierende mit dem Kulturticket gibt es an der Abendkasse Freikarten. Auch im Lokal sind die Preise Verzehrer-freundlich. Der Unterschied zu früher: Man sollte reservieren, auf jeden Fall, betont Amirfallah, wenn man zur deutschen Haupt-Essenszeit zwischen 18 und 20 Uhr kommen möchte. Denn dann ist dort oft kein freier Tisch zu finden. Auch wenn in Göttingen Veranstaltungsreihen wie Literaturherbst oder Händel-Festspiele laufen, herrscht im Apex oft Hochbetrieb. Wie anfangs gesagt: „Weil’s einfach gut ist!“ Folgt man Huber, kann man ins Apex gehen, um einfach einen guten Abend zu haben.

Mehr Infos unter www.apex-goe.de

Verfasser:in

Ute Lawrenz

Journalistin und Autorin des kulturis-Magazins

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Im Artikel genannt

Im Artikel genannt

APEX

Adresse
Burgstraße 46, Göttingen
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