Premiere am Jungen Theater und außerdem in Göttingen: Angelika Zacek (55) ist zur Spielzeit 2026/2027 zu Nico Dietrichs Nachfolgerin auserkoren worden. Damit ist sie die erste Intendantin am Jungen Theater und in der Stadt.
„Doktormutter Faust“ von Fatma Aydemir zeigt die Wienerin am 10. September als ihre erste Inszenierung am Jungen Theater. Goethes „Urfaust“ war das erste Stück, das zur Eröffnung dieses Theaters 1957 aufgeführt wurde. Mit „Doktormutter Faust“, im September vor drei Jahren am Schauspiel Essen uraufgeführt, will die neue Intendantin an die Geschichte des Hauses anknüpfen und gleichzeitig neue Akzente setzen. „Mein Inszenierungsansatz ist geprägt davon, interessant und spielerisch Geschichten zu erzählen, Figuren genau zu hinterfragen und vielschichtig zu zeigen, Stereotypen aufzubrechen, Situationen ganz klar zu inszenieren und natürlich auch die Situationskomik aus den tragisch komischen Stücken herauszuholen“, beschreibt Zacek, worauf sie Wert legt. Die frischgebackene Theaterleiterin sieht einen ihrer Schwerpunkte bei den Frauen, sowohl was die Themen als auch was die Hauptrollen betrifft.
Zum kostenlosen kulturis-Newsletter anmelden und nichts mehr verpassen!
Wir informieren dich immer freitags über die Veranstaltungstermine der kommenden Woche, spannende Kulturthemen und neue Funktionen bei kulturis.
Die frischgebackene Theaterleiterin Angelika Zacek
In der neuen Funktion will Zacek beibehalten, was bei Vorgänger Dietrich gelungen ist. Dass das Theater viel ins Umland fahre, findet sie wichtig und glaubt, dass das noch ausbaufähig sei. Bleiben sollen aus ihrer Sicht die Familienvorstellungen und die Musikshow genau wie die Komödie zu Silvester. „Es darf auch unterhaltsam sein“, betont die empathische Frau. Über Humor ließe sich vieles entdecken. Dabei ist es der Macherin wichtig, mit frischem Blick auf bekannte Stücke zuzugehen, die Figuren, insbesondere die der Frauen, einmal anders, neu zu interpretieren. Als Win-Win-Situation hebt Zacek die Zusammenarbeit des Jungen Theaters mit der Schauspielschule Kassel hervor.
Mit dem Verein „Pro Quote Bühne“, den sie 2017 mit sechs weiteren Regisseurinnen ins Leben rief, engagierte sie sich fünf Jahre lang als Vorstandsvorsitzende für Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Diversität sowie für moderne Führungstechniken und Unternehmenskultur an deutschsprachigen Bühnen. Politisch wie künstlerisch will sie Stereotypen aufbrechen.
Mit der Kinder- und Jugendarbeit gehe noch mehr, glaubt die neue Intendantin, die gerne zupackt. Es sei wichtig, junge Menschen so früh wie möglich mit dem Theater in Kontakt zu bringen. Je früher man ins Theater komme, desto mehr belebe es die Fantasie. Bei jungen Menschen, die ab dem Alter von 16,17 oder 20 Jahren das erste Mal Theater erlebten, sei es oft zu spät, um sie dauerhaft zu packen.
Die Hofbühne des Jungen Theaters in der Bürgerstraße mit dem Pferd „kleiner Onkel“ aus dem Stück Pippi Langstrumpf im Vordergrund
Dafür ist Zacek selbst ein gutes Beispiel: Mit sechs Jahren hat die Theaterfrau das erste Mal auf der Bühne gestanden. In dem Stück „Der Riese Wellewatz“ durfte sie die Prinzessin spielen. Seitdem sie für eine Kinderrolle im Fernsehen sogar Geld bekam, wollte sie Schauspielerin werden. Doch ihr Vater war der Meinung, sie solle erst etwas Vernünftiges lernen, womit sie später gut Geld verdienen könne. So sei sie Ingenieurin geworden. Erst als sie den Abschluss in der Tasche hatte, folgte sie ihrem Kindheitstraum. Ambitioniert besuchte sie die Schauspielschule in Wien und spielte danach unter anderem in Wien, Linz und in Hannover. Außerdem wirkte sie als Sprecherin in Hörspielen des Österreichischen Rundfunks (ORF) mit.
Doch damit war der Weg der neugierigen Denkerin nicht zu Ende. Weil es ihr oft nicht gefiel, was Regisseure vorgaben, entschloss sie sich, es besser zu machen. Die Schauspielerin absolvierte ein Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Als wichtige Stationen für sie als Regisseurin nennt sie die Staatstheater Karlsruhe und Cottbus, das Theater Dessau und das Volkstheater Rostock. Und sie blieb nicht nur beim Schauspiel, sie begann, auch Opern in Szene zu setzen. Gut besprochen wurde ihre erste Operninszenierung „In der Strafkolonie“ mit Musik von Phil Glass nach einer Erzählung von Franz Kafka in Gera (2020). Erfolg hatte sie auch mit Giacomo Puccinis Emanzipationsgeschichte „Madame Butterfly“ am Anhaltischen Theater Dessau (2023). Als Lehrbeauftragte gab Zacek ihr Wissen an Studierende am Max Reinhardt Seminar in Wien, an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam, an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und an der Ernst Busch Berlin weiter.
Dass Angelika Zacek jetzt ihre erste Intendanz antritt, ist aus ihrer Sicht folgerichtig. Schon als Regisseurin müsse sie andere leiten, mit den vielen Beteiligten kommunizieren, es gelte, die Gewerke zusammenzubringen. Für ihre Inszenierungen nutze sie alles, was ein Haus zu bieten habe. Sowohl die technischen als auch die künstlerischen Ressourcen seien an den verschiedenen Häusern anders. Um damit erfolgreich umzugehen, ist ihr Erfahrungsschatz sicher hilfreich.
Das Otfried-Müller-Haus befindet sich weiterhin im Umbau, Ansicht vom April 2026
Als neue Intendantin des Jungen Theaters freut sich Zacek schon jetzt auf den Rück-Umzug ins Otfried-Müller-Haus (OMH), der für Frühjahr 2028 auf dem Plan steht. In dem „richtigen Theater“ stünde den Mitarbeiter endlich wieder mehr Raum zur Verfügung, alle hätten ihre angestammten Plätze. Dann könne sich das Junge Theater – auch mit neuen Gesichtern – weiter öffnen. Die Neu-Göttingerin denkt an einen Ausbau der Zusammenarbeit mit den Händel-Festspielen und dem Göttinger Symphonieorchester (GSO). Gern würde sie eine Konzertreihe mit wechselnden Künstlern etablieren. Auch ein Festival mit Kurzfilmen aus der Region ist für sie denkbar. Wie verbinde ich die Stadt, die Menschen und die Politik mit dem Theater, ist für Zacek eine zentrale Frage. „Exportschlager“-Qualität ordnet sie dem Verein „Kunst e.V.“ zu. Dass sich verschiedene kulturelle Sparten in einem Verein zusammenschlössen, kenne sie aus keiner anderen Stadt, honoriert sie diese Initiative. Zudem freut sich die neue Leiterin des Jungen Theaters, die bislang immer viel unterwegs war, ganz in die Stadt an der Leine einzutauchen, jeden Morgen im selben Bett aufzuwachen. Die Göttinger empfindet sie als „unglaublich herzlich“. Für sie will Zacek nun mit voller Kraft in ihre neue Aufgabe starten.
Kommentare