Wenn „Bilder wechseln wie die Jahreszeiten“ ist in Göttingen die Artothek mit im Spiel. In der Göttinger Kunstverleih-Galerie können Privatpersonen wie Unternehmen und Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten Kunstwerke nach ihrem Geschmack quasi mieten. Für eine geringe Gebühr und einen festgesetzten Zeitraum können sie Bilder für ihre Räume bekommen und tauschen, meist wenn die Ausleihzeit abgelaufen ist. Wie die Natur sich je nach Jahreszeit in einem anderen Kleid zeigt, kommt so Abwechslung in die eigenen vier Wände. Im Künstlerhaus in der Stadt an der Leine hat die Kunstverleih-Galerie als Teil des Göttinger Kunstvereins ihr Zuhause.
„Weil’s mir gefällt“, leiht sich Ursula Ullrich aus Groß Ellershausen bei der Artothek regelmäßig ein Bild für den Flur aus. Der Vorteil: Sie müsse sich nicht entscheiden für ein Werk, dass dann ihr Leben lang in ihrer Wohnung hänge. Mit ihrem pflegebedürftigen Mann komme sie nicht so viel raus, erzählt Ullrich. Da tue es gut, ein bisschen Abwechslung zu haben.
Ein Bild versteht sie als intuitiv, emotional. „Ich will es sehen und dann lächeln.“ Wenn das Paar nicht mehr lächele beim Anblick des Gemäldes, müsse es wieder einmal ausgetauscht werden. Da ist Ullrich bei der Artothek genau richtig. Dort gibt es eine große Auswahl von Kunstwerken der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst: Druckgrafiken und Fotografien, Zeichnungen und Aquarelle, Ölgemälde.
Johanna Meyer ist die „Herrin der Bilder“ in der Artothek und behält den Überblick über die rund 800 Werke.
Die Artothek in Göttingen wurde 1988 ins Leben gerufen, seit acht Jahren betreut sie Johanna Meyer. Die Sozialwissenschaftlerin ist immer viel im kunstpädagogischen Bereich und in soziokulturellen Projekten beschäftigt. Manchem mag sie von Aufführungen oder Workshops zu indischem Tanz bekannt sein.
Der Schwerpunkt der Sammlung in der Artothek liege auf junger Gegenwartskunst ab den 1970er Jahren, sagt Meyer. Vereinzelte Werke aus den 1960er Jahren bereicherten das Sortiment genauso wie Bilder aus der klassischen Moderne. Insgesamt verfügt die Kunstverleih-Galerie über einen Fundus von 750 bis 800 Werken, von denen rund die Hälfte in Wechselrahmen in den Räumen der Galerie eins hinter dem anderen an den Wänden stehen, einige wenige zieren die Wandflächen darüber. Die andere Hälfte wartet in Mappen darauf, einer Wohnung neuen Flair zu geben. „Selbst wenn wir für alle Bilder Rahmen hätten, könnten wir nicht alle gerahmt hier aufstellen“, sagt Meyer mit Blick auf die mit Augenmaß gefüllten Wände.
Die Kunden sind einerseits Privatpersonen, andererseits Betriebe wie Arztpraxen und Kanzleien. Für die privaten Kunden werde die Ausleihzeit zunächst meist auf drei Monate festgesetzt. Firmenkunden würden die Bilder in der Regel im Jahresrhythmus tauschen. Für beide Gruppen wird die Ausleihdauer laut Meyer in der Regel flexibel gehandhabt. So könne es sein, dass ein Bild schon nach einem Monat zurückgegeben oder ausgetauscht werde, weil es nicht die gewünschte Atmosphäre verströme. Für Unternehmen sei eine gelungene Hängung auch eine Möglichkeit, für sich zu werben, glaubt Meyer als die „Herrin der Bilder“. Aus versicherungsrechtlichen Gründen dürften den Bildern auf keinen Fall ein Platz in öffentlich zugänglichen Fluren oder vergleichbaren Räumen zugewiesen werden.
In der Artothek gibt es eine große Auswahl von Kunstwerken der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst: Druckgrafiken und Fotografien, Zeichnungen und Aquarelle, Ölgemälde.
Auch in schweren Zeiten kann die Artothek mit Bildern große Freude verströmen, das zeigt nicht nur das Beispiel von Ursula Ullrich. Kunstpädagogin Ute Wieder hat insbesondere in der Corona-Zeit gern auf dieses Angebot zurückgegriffen. Mit ihrem Schwerpunkt in Grone Süd komme sie in Kindertagesstätten, wo die Kinder in ihrem alltäglichen Leben kaum mit Kunst in Berührung kämen, erzählt Wieder. Bei Ausstellungsbesuchen ermuntere sie die jungen Menschen, von den Kunstwerken Verbindungen zu ihrem eigenen Leben zu schlagen. Weil das in der Corona-Zeit nicht möglich war, hätten sie die Kunst in die Kitas geholt. „Es ist unschätzbar, wie Originale Kinder zu Aussagen darüber bewegen“, konstatiert die Kunstpädagogin und ergänzt: Manchmal habe sie das Gefühl gehabt, ein Kunstwerk erst mit den Kommentaren der Kids vollständig verstanden zu haben.
„Wenn ihr nicht zur Kunst kommt, kommt die Kunst eben zu Euch!“ Das sei damals Devise gewesen, zitiert auch Meyer an die Zeit, als Ausstellungsbesuche wie Workshops größtenteils unmöglich waren. Ein Ausweg seien digitale Ausstellungsrundgänge gewesen. Doch das ziehe vor allem jüngere Besucher nicht so sehr in den Bann wie ein Original. So wurde der Kunst-Lieferdienst geboren. Denn „es muss nicht immer Pizza sein“ – dieser Slogan dafür war schnell gefunden.
Davon konnte auch Lilly Stehling bei ihren VHS-Kursen für Abschlüsse auf dem zweiten Bildungsweg profitieren. Zusammen mit Meyer hat die freischaffende Künstlerin eine Vorauswahl von Bildern getroffen, aus denen die Schüler per Mehrheitsentscheidung ihren Favoriten bestimmen konnten. Interessant findet Stehling, dass eine Wahl auf Wolfgang Mattheuers Werk „Zwiespalt“ aus dem Jahr 1979 fiel. Dieses Bild in Drucktechnik zeige ebendie Zerrissenheit, die damals viele empfunden hätten, sagt Stehling. Zusätzlich zu der inhaltlichen Auseinandersetzung hätte die Klasse auch mit Drucktechniken experimentiert.
Die Druckgrafik „Zweispalt“ von Wolfgang Mattheuers (mittig in schwarz-weiß) ist nur eines von vielen ausleihbaren Werken.
Wie das Beispiel von Ursula Ullrich zeigt: Nicht nur in der Corona-Zeit können Bilder aus der Artothek mitunter ein Lächeln auf so manche Lippen zaubern. Doch wie kommen all die Bilder in die Artothek: Laut Meyer werden sie von Vereinsmitgliedern oder direkt von den Künstlern gespendet.
Gut vernetzt ist die Artothek in Göttingen im Artothekenverband Deutschland. Bei der Jahreshauptversammlung dieses überregionalen Zusammenschlusses werde meist auch ein Fortbildungsteil geboten, sagt Meyer. Sie zeigt sich begeistert von den Projekten anderer Artotheken, die sie so kennenlernte. Eine Idee für Schulen mit Kunstleistungskursen hat sie aus solch einer Fortbildung mitgenommen: Die Kursteilnehmer müssten ein Bild wählen, dass sie bei sich zu Hause aufhängen wollten. Unterstützt von ihrer Lehrkraft sollten sie eine Antwort auf besagtes Kunstwerk entwickeln. Viele weitere Ideen sind laut Meyer denkbar.
Wer sich einen Überblick über den Bestand der Artothek in Göttingen verschaffen möchte, kann dies am besten im Internet tun (https://artothek.kunstvereingoettingen.de/artothek-list/). Hier ist es leicht, sich über Werkgruppen, Zeitfenster, Größe und Verfügbarkeit zu informieren. Zu den Öffnungszeiten der Artothek finden Interessierte gerahmte Originale sowie Fotos davon in Ringbüchern vor. Alphabetisch nach den Künstlernamen sowie nach Inventarnummern sortiert, seien sie eindeutig identifizierbar, erklärt Meyer die digitalen Ausleihverwaltung.
Wichtig für die, die ein Bild leihen wollen: Gegen die Leihgebühr von 3 bis 5 Euro können sie Arbeiten auswählen, die für drei Monate ausgeliehen werden. Die Rahmen können nicht gewechselt werden.
Die Öffnungszeiten der Artothek sind immer dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr. Nach Rücksprache können zusätzliche Termine in der Regel am Vormittag vereinbart werden.
Ein Stöbern in den verfügbaren Werken der Artothek ist während der Öffnungszeiten sowie auf der Webseite möglich.
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Künstlerhaus Göttingen
Vielfältige, innovative Ausstellungen und Projekte zeitgenössischer Kunst und kulturelle Veranstaltungen
Lilly Stehling
atelier 23
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