Manchmal beginnt Geschichte nicht mit einem großen Plan, sondern mit der Frage, was verloren gehen könnte. Anfang der 1970er-Jahre ist es das Otfried-Müller-Haus, dessen Zukunft plötzlich offensteht. Kinos, Volkshochschule, bekannte Nutzungen sollen weichen. Was folgt, ist kein nostalgisches Festhalten, sondern eine produktive Unruhe. Unterschiedliche Gruppen in Göttingen schließen sich zusammen – Elterninitiativen, Jugendverbände, Studierende, politisch und kulturell Engagierte. Sie eint weniger ein fertiges Konzept als eine gemeinsame Überzeugung: Dieser Ort soll nicht leer werden.
Die Konstruktion ist fragil. Verwaltung und Finanzen liegen beim Jungen Theater, während das KAZ basisdemokratisch arbeitet. Zwei Logiken treffen aufeinander, die sich nur begrenzt vereinbaren lassen. 1984 zieht das KAZ die Konsequenz und erkämpft die juristische Eigenständigkeit. Seitdem existieren zwei getrennte Einrichtungen, verbunden durch eine lange Geschichte, gegenseitige Unterstützung und immer wieder gemeinsame Projekte. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Nähe und Autonomie, die die Beziehung tragfähig macht – bis heute.
Was das KAZ von Anfang an prägt, ist weniger das, was es zeigt, als das, was es ermöglicht. Schon früh entstehen Gruppen, die bis heute existieren: Chor, Töpfern, Yoga, Tanz, Akrobatik. Andere verschwinden, ziehen weiter, professionalisieren sich. Das Kinderhaus e. V., die Gesellschaft für Bedrohte Völker, freie Theater- und Zirkusprojekte – sie alle haben hier begonnen. Das KAZ ist selten Endstation. Es ist ein Anfangsort.
Auffällig ist, was fehlt: ein eigener großer Veranstaltungsraum. Kein ständiger Spielplan, kein klassisches Booking, kein abendfüllender Betrieb. Was andernorts als Mangel gelten würde, erweist sich hier als Profil. Die Arbeit konzentriert sich auf Gruppen, Kurse, langfristige Prozesse. Auf Menschen, die regelmäßig kommen. Auf Beziehungen, die wachsen. In Krisenzeiten – finanziell wie gesellschaftlich – macht genau das das KAZ stabil. Es ist weniger abhängig von Ereignissen als von Kontinuität.
Der Umzug 2019 markiert dennoch einen Einschnitt. Nach Jahrzehnten im Otfried-Müller-Haus zieht das KAZ in die ehemalige Voigtschule am Wall. Kurz darauf beginnt die Pandemie. Stillstand bleibt aus. Digitale Angebote entstehen, manche bleiben bis heute Teil des Programms. Vor allem aber verändert der neue Ort die Arbeitsbedingungen grundlegend. Tageslicht statt Kellerräume, Wasseranschlüsse für Werkstätten, Platz für Ausstellungen, ein Hof für Projekte mit Kindern und Jugendlichen. Räume wirken – und diese wirken befreiend.
Gleichzeitig rückt das KAZ stärker in sein Umfeld. Die Nachbarschaft zum Leineviertel: das Viertel wird nicht nur Adresse, sondern Aktionsraum. Kooperationen mit dem Quartiersbüro, mit Schulen, Kitas, dem Forum Wissen, dem Kunstverein und dem Kino Méliès entstehen nicht aus Strategiepapieren, sondern aus Nachbarschaft. Das KAZ wird Teil eines sozialen Gefüges – und prägt es mit.
Heute nutzen jährlich tausende Menschen das Zentrum: in Kursen, Workshops, Projekten, Veranstaltungen. Rund ein Drittel der Teilnehmenden kommt aus anderen Ländern. Studierende profitieren vom Kulturticket des AStA, das kulturelle Teilhabe niedrigschwellig ermöglicht. Besonders gefragt sind Angebote wie die Keramikwerkstatt, in der nicht hohe Energiekosten (die ansonsten mit der Kursgebühr finanziert werden), sondern gemeinsames Arbeiten im Vordergrund stehen.
Das Jubiläumsjahr macht sichtbar, was das KAZ im Kern ausmacht: Zusammenarbeit. Die geplanten Veranstaltungen und Projekte entstehen fast ausschließlich mit Partnern – mit dem Jungen Theater, dem Kunstverein, dem GSO, den Händelfestspielen, Schulen, Initiativen und Einzelkünstler:innen. Es geht nicht um Selbstfeier, sondern um geteilte Geschichte. Selbst die Aktion „50 Sätze zum KAZ“, eingesandt von Menschen unterschiedlichsten Alters und Hintergrunds, folgt dieser Logik: Bedeutung entsteht im Vielstimmigen.
Fünfzig Jahre nach seiner Gründung ist das KAZ kein Ort der großen Gesten. Es ist ein Haus mit langem Atem. Einer, der aushält, dass Kultur Zeit braucht. Dass Teilhabe nicht spektakulär, sondern beharrlich ist. Und dass Städte Orte brauchen, an denen Menschen nicht Publikum sind, sondern Mitwirkende.
Vielleicht ist das die eigentliche Erfolgsgeschichte des KAZ: dass es nie lauter war als nötig – und gerade deshalb so lange geblieben ist.
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Im Artikel genannt
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KAZ – Göttinger Kommunikations- und Aktionszentrum
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