Sightseeing können Bahnfahrende an der Nord-Süd-Trasse zwischen Göttingen und Hannover betreiben. Das Fagus-Werk in Alfeld ist ein wahres Kleinod, gilt es als Ursprungsbau moderner Industriearchitektur. 100 Jahre nach der Gründung, 2011, wurde es zum UNESCO-Welterbe erklärt.
Als Produktionsstätte für Schuhleisten und Stanzenmesser hat Carl Benscheidt das Werk 1911 gegründet und gab ihm den passenden Namen „Buche“. Mit lateinischem Namen werde dieser Baum „fagus sylvatica“ bezeichnet, erklärt Hans-Herbert Miehe vom Marketing des Werks.
Damals war Benscheidt 53 Jahre alt. Fast ein Vierteljahrhundert war er bereits in der Herstellung von Schuhleisten in Alfeld tätig, seit 1887, und hatte sich in leitender Position in der Firma von Carl Behrens etabliert. Schon dort habe er als Pionier gegolten, denn bei der Herstellung von Schuhleisten habe er sich nach den neuesten Erkenntnissen der orthopädischen Forschung gerichtet, heißt es in einer Werksbroschüre.
Hans-Herbert Miehe weiß viel über das Fagus-Werk zu erzählen.
Mit 53 Jahren sei man damals ein alter Mann gewesen, ordnet Miehe das Alter Benscheidts ein. „Wenn Sie immer alles besser wissen, dann machen Sie sich doch selbständig“, habe ihm nach dem Tod von Carl Behrens dessen Sohn und Nachfolger gesagt. Dank finanzieller Hilfe von einem amerikanischen Geschäftsfreund konnte der Angestellte den Schritt in die Selbständigkeit wagen.
Unterstützung habe Benscheidt auch vom damaligen Landrat bekommen, erzählt Miehe. Der hatte einen Architekten, Walter Gropius, zum Schwager. Gropius stand am Anfang seiner Karriere. Er wollte Industriegebäude entwerfen. Laut Miehe brachte der Landrat den Schwager mit Benscheidt zusammen. Nach dem ersten Treffen in Hannover sei der von Gropius so begeistert gewesen, dass er ihm den Auftrag erteilte, ihm ein neues Unternehmen zu bauen, nicht weit von der bisherigen Arbeitsstelle. Mit seinem Mitarbeiter Adolf Meyer entwarf Gropius das Gebäude, das vom Zusammenwirken von Glas und Stahl geprägt ist. Etwas mehr als zwei Jahre nach Auftragsvergabe sei das Gebäude fertiggeworden, weiß Miehe. Gropius Ideen passten zur Schuhfabrik: „Wir nehmen hellen, lederfarbenen Klinker“, entschied er beispielsweise für den Sockel. Die gerade gehaltenen Türklinken und die Regenrinnen als Kastenfallrohre verraten schon die Bauhaus-Handschrift.
Als architektonisches Alleinstellungsmerkmal hebt Miehe die vorgehängte Glasfassade am Haupthaus des Unternehmens hervor. Hier kann sich der Himmel ungestört spiegeln. Nicht allein dieser Anblick ist besonders – insbesondere natürlich bei schönem Wetter. Durch die voll verglasten Wände sei viel Tageslicht in die Produktionshalle gekommen, schildert Miehe. Das habe die Arbeitsbedingungen verbessert. Die Mitarbeiter konnten bei der Arbeit hinausschauen, konnten sich einen weiten, freien Blick bewahren. Bis heute kann, wer drin ist, hinaus-, wer draußen ist, in das Gebäude hineinschauen. Miehe hebt auch die Treppe ohne Stützen hervor.
Bereits 1946, 35 Jahre nach Auftragsvergabe, wurde der Bau unter Denkmalschutz gestellt. Heute steht das Fagus-Werk in der Industriearchitektur als Meilenstein für den Beginn der Moderne. Bis zum ersten Weltkrieg war die Belle Époche mit ihrer Beaux-Arts-Architektur bestimmend. Mit dem Fagus-Werk hielt Gropius‘ Sachlichkeit, seine Gradlinigkeit Einzug in die Baugeschichte. Die tragenden Pfeiler am Fagus-Hauptgebäude verlaufen schräg nach hinten, werden so unsichtbar. Dadurch wirkt die Fassade wie eine durchgehende Glasfassade. Als Ursprungsbau der Moderne wurde das Fagus-Werk in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen und zählt zu den aktuell über 50 Welterbestätten in Deutschland. Bahnbrechend ist seine Bedeutung für die Verbindung zur weltberühmten Bauhaus-Bewegung.
Das Fagus-Werk mit seiner wie-durchgehenden Glasfront gilt als Meilenstein für den Beginn der Moderne.
Seit 1978 führt die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) im Rahmen der Welterbe-Konvention eine Liste herausragender Kultur- und Naturgüter, die von so außergewöhnlicher Bedeutung sind, dass ihr Verschwinden ein Verlust für die gesamte Menschheit wäre. „Der herausragende universelle Wert des Fagus-Werks begründet sich in der modernen Architektur von Walter Gropius, die das Werk auf internationaler Ebene auszeichnet“, heißt es in einem Unternehmens-Flyer. Die Bauweise stehe beispielhaft für die Innovation der Vorhangfassade, die sowohl Leuchtkraft als auch Helligkeit und gezielt die Interessen der Arbeitswelt in Bezug auf die Produktivität sowie die Humanisierung der Arbeitsbedingungen berücksichtige und auf sich vereine. „Baukunst und Design als wesentlicher Faktor für die Lebensqualität der Menschen werden am Fagus-Werk erstmals formuliert und den nachfolgenden Generationen präsentiert.“
Der Stil wird fortgeführt an dem kleinen Haus, das direkt an den Bahngleisen liegt. Die ehemalige Gleiswaage sieht aus wie eine Kopie des Haupthauses in Miniatur. Wie beim Haupthaus läuft die Fensterfront rundum - wie Mutter und Kind wirken Haupthaus und Gleiswaage. An den Gleisen, dort wo die ehemalige Gleiswaage steht, kann man den Bahnhof Alfeld sehen. Die Entfernung beträgt etwa 500 Meter, ein Zeugnis für die gute Verkehrsanbindung. Im Bauhausstil ist auch die Werkspforte gebaut. Sie kam 1924 dazu und komplettiert seither das Ensemble.
Die für damalige Verhältnisse fortschrittlichen Arbeitsbedingungen sind auch heute noch bedeutsam, denn das Fagus-Werk ist das einzige Weltkulturerbe mit aktiver Produktion im Vollbetrieb. Auch wenn im Werk wie in einem Weinlager über 30000 Schuhleisten in Holzregalen liegen, stehen die Leisten längst nicht mehr im Fokus.
Wie edle Weine werden die Leisten aufbewahrt.
Bis heute kümmern sich 20 Mitarbeiter in der Fagus GmbH um die Herstellung von Schuhleisten und den Formanbau für Sohlen. Dazu wächst seit 1974 Fagus Grecon - Greten Consulting. Die Familie Benscheidt hat sich per Eheschließung mit der Familie Greten verbunden. Fagus Grecon mit rund 450 Mitarbeitern in Alfeld und insgesamt 700 weltweit, in der Entwicklung, im Vertrieb und als Monteure im Einsatz, sieht sich als Weltmarktführer für den vorbeugenden Brandschutz. Mit der Erfindung einer Funkenlöschanlage für die Rohrleitungen zum Abtransport der Späne, die bei der Herstellung der Schuhleisten abfallen, nahm das Thema seinen Anfang. Mittlerweile ist die Mehrheit der Mitarbeiter des Unternehmens in der Mess- und Brandschutztechnik tätig. Mit den Einnahmen aus diesem neuen Geschäftsfeld wurde zwischen 1982 und 2002 die Komplettrenovierung des Fagus-Werks möglich. Deshalb sei die Fabrik in gutem Zustand, sagt Miehe.
Über die Geschichte des Fagus-Werks erfahren Interessierte viel in der interaktiven Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus für Schuhleisten. Auf fünf Etagen finden sie Unternehmens- sowie Architekturgeschichte, Bauhaus-Möbel und Schuhmode der letzten 100 Jahre. Wo die Besucher in der Ausstellung starten, lockt ein Medientisch, an dem sie die einzelnen Bauabschnitte eingebettet in die gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung verfolgen können
Doch das Fagus-Werk ist nicht nur Wirtschaftsunternehmen, sondern auch ein kultureller Treffpunkt. In der ehemaligen Produktion werden Konzerte und andere Kulturveranstaltungen, zum Beispiel Lesungen, ausgerichtet. Sogar ein Gottesdienst sei dort schon gehalten worden, erzählt Miehe. Mit einer Entfernung von nur 50 Kilometern zum Messegelände in Hannover sei das Werk ideal als Tagungsort geeignet.
Öffentliche EntdeckerTouren im Fagus-Werk finden ganzjährig am Mittwoch, Samstag und Sonntag jeweils um 13 Uhr statt. Zusätzlich wird von April bis Oktober eine solche Tour sonntags um 11 Uhr angeboten. Damit diese und andere Angebote aufrechterhalten werden können, gibt es den Verein der Freunde und Förderer des Werks. Weitere Informationen unter www.fagus-werk.com
Kommentare