Ohne Matthias Heintz und Jörg Bachmann gäbe es wohl kein JAZZohneGLEICHEN. Die beiden Jazz-Freunde kennen sich schon lange, nicht zuletzt über die herausragenden Jazz-Konzerte von dessen Verein „Kultur im Esel“ in Sülbeck. Jörg Bachmann gehört seit Jahren auch zum Organisations-Team des Jazzfestivals Göttingen.
Im Jahr 2015 blickten die beiden nach einer Veranstaltung im Schloss Rittmarshausen auf das Gelände mit der großen Scheune und dem dahinter sichtbaren Turm der Kirche St. Marien. In diesem Moment kam Matthias Heintz der Gedanke: Das wäre ein idealer Platz für ein Jazz-Festival. Die Initialzündung war da. Beide folgten dieser Eingebung, entwickelten die Idee mit konkreten Überlegungen und schon im nächsten Jahr fand das erste Festival statt. Im August 2025 gibt es die 9. Auflage von JAZZohneGLEICHEN. Im Gespräch gewähren Matthias Heintz und Holger Pangritz, die beiden Vorsitzenden des Kulturverein Rittmarshausen e.V., einen Blick hinter die Kulissen und erzählen von ihrer Begeisterung für die Kultur auf dem Lande und den Jazz im Besonderen.
Matthias Heintz und Holger Pangritz
Der Verein, der Ort, das Festival
Als die Idee zum JAZZohneGLEICHEN geboren wurde, gab es den 2014 gegründeten Kulturverein Rittmarshausen schon. Der 1. Vorsitzende Matthias Heintz hatte sich zuvor in seinem Heimatdorf im benachbarten Sattenhausen in der Initiative „Kultur unter dem Kirchturm“ engagiert und brachte seine Erfahrung in den Kulturverein Rittmarshausen ein. Holger Pangritz zog vor rund vier Jahren mit seiner Familie von Göttingen nach Rittmarshausen, schloss sich dem Kulturverein an und wurde ganz schnell in den Vorstand gewählt. Nach eigenen Worten macht er im Verein „den Maschinenraum“, kümmert sich also weitgehend um alle technischen Dinge in der Scheune und bei den Veranstaltungen.
Von dem früheren ritterlichen Wasserschloss auf dem Gelände sind heute das 1714 erbaute Herrenhaus und mehrere Nebengebäude erhalten. In dem heutigen Vorderteil des Schlosses wurden bis vor einigen Jahren auch Räume für Veranstaltungen genutzt. Vor dem kleinen Barockschloss unter alten Bäumen steht die große Backsteinscheune aus der Zeit um 1900, die vom Kulturverein Rittmarshausen gepachtet und zur „Kulturscheune“ mit Bühne, Technik und Theke mit einer Kapazität für gut 200 Personen ausgebaut worden ist. Hier finden Theater- und Tanzworkshops, Filmvorführungen, Kunstausstellungen und Konzerte statt.
Für die vielfältigen monatlichen Veranstaltungen gibt es die jeweils passenden Räume und Bühnen auch außerhalb der Kulturscheune, im Gartekrug Rittmarshausen mit dem monatlichen Kulturstammtisch, im Café Vier Jahreszeiten (Carpe Diem) in Klein Lengden sowie in der Wehrkirche und im Dorfgemeinschaftshaus Sattenhausen. Der Kulturverein Rittmarshausen zeigt, was eine engagierte Gruppe alles auf die Beine stellen kann, wenn individuelle Stärken sich entfalten und gegenseitig ergänzen können. Das Angebot beinhaltet neben hochkarätigen Veranstaltungen auch niederschwellige Mitmach-Angebote für alle Altersgruppen.
Das jährliche JAZZohneGLEICHEN – Festival, jeweils am letzten August-Wochenende, gehört seit 2016 zu den viel beachteten Highlights des Kulturvereins mit renommierten nationalen, internationalen und auch regionalen Musiker*innen. Eine kleine Auswahl: Aehem Ahmad, Arkady Shilkloper, Nicole Johänntgen, Joey Baron & Robyn Schulkowsky, Benny Brown, Ilja Ruf, Nils Landgren, Omer Klein Trio, Trio Bonsai und viele andere.
Das Schloss Rittmarshausen
Kontaktpunkt für die Gemeinschaft
Matthias Heintz und Holger Pangritz verbinden beim JAZZohneGLEICHEN zwei Anliegen: Sie sind seit früher Kindheit Jazz-Liebhaber und haben ein besonderes Interesse daran, die Menschen in ihrer Umgebung, in ihrem Lebensraum für die Kultur und eine Mitarbeit zu begeistern und darüber Verknüpfungen und Freundschaften entstehen zu lassen. Für beide ist die Arbeit im Verein ein Kontaktpunkt für Gemeinschaft. Das beschränkt sich nicht auf Rittmarshausen, sondern geht auch in die Nachbarortschaften und die Gemeinde Gleichen bis nach Göttingen. Es gibt inzwischen auch ganze Familien in Göttingen, die sich in Rittmarshausen richtig „verwurzelt“ fühlen. Die starken persönlichen Bindungen führen auch dazu, dass sich so Übernachtungsmöglichkeiten für Künstler des Festivals ergeben haben. Die Kulturarbeit in Rittmarshausen hat sich immer mehr dahin entwickelt, Menschen mit Lust an der Kultur in die Gestaltung einzubeziehen.
Matthias Heintz: „Ich spreche von einem Dreieck, das stimmen muss. Künstlerinnen und Künstler, Veranstalter und Publikum müssen in Beziehung miteinander sein, und zwar auch direkt bei der Veranstaltung. Und wenn das klappt und die Leute gehen hier raus und sagen: Das war eine tolle Begegnung, ich nehme etwas mit, ich habe Kontakte geknüpft. Dann sind wir zufrieden.
Das Festival-Konzept
Matthias Heintz: „Unser Programm-Konzept mit Workshops, einer Masterclass und Symposien sowie das Bemühen darum, auch gesellschaftliche Themen mit dem Jazz zu verknüpfen tragen dazu bei, die Menschen einzubinden und in einen Dialog zu bringen. Das hat für uns große Bedeutung und ist ein Schwerpunkt unseres Festivals.“
Wichtig ist den Veranstaltern besonders die Förderung der Jugend und des musikalischen Nachwuchses. Matthias Heintz: „In jedem Jahr suchen wir eine Jugend-Big-Band aus und laden die jungen Musikerinnen und Musiker ein, mit einer großen Persönlichkeit des Jazz, wie beispielsweise 2023 mit Nils Landgren und in diesem Jahr mit Eva Kruse, zusammen zu arbeiten und die einmal für einige Tage nur für sich zu haben. Am Samstagabend geht es dann gemeinsam auf die Bühne. Die jungen Leute haben dabei solch ein Vergnügen. Da ist schon ein Herzstück unserer Arbeit. Teil des Konzeptes ist auch, im Festival-Ensemble Musiker zusammen zu bringen, die noch nie miteinander gespielt haben.“
Die Kulturscheune Rittmarshausen
Jazz forever young – das Programm 2025
Jeder Mensch, der einmal von der Leidenschaft und dem Groove des Jazz erfasst worden ist, versteht, warum diese Musik uns so tief berührt. Das per se Dialogische im Jazz kann uns inspirieren, sich auf Begegnungen, auf neue Wege, auf Entdeckungsreisen einzulassen. Diese Eigenschaften beinhalten wichtige Impulse, um die nachwachsenden Generationen junger Jazzer*innen zu ermutigen, selbst kreative Wege zu wagen, Neues auszuprobieren, immer verwurzelt in der langen Tradition und dem zutiefst freien und humanen Geist dieser Musik.
„Jazz forever young“ ist das Motto für das diesjährige Programm, mit dem einmal mehr ein hoher Grad aktiver Beteiligung ermöglicht werden soll, insbesondere durch die Workshops und die Masterclasses mit Eva Kruse, Benny Brown und Clara Haberkamp. Beim Marching-Konzert mit den New Orleans Syncopators um den Pianisten Gregor Kilian werden Blasmusiker*innen aus der unmittelbaren Region einbezogen sein. In einem Symposium mit der NDR-Moderatorin Mauretta Heinzelmann wird das Thema „Nachwuchsförderung im Jazz“ gemeinsam mit jungen Jazzer*innen beleuchtet.
Das Jazz-Programm bietet auch in diesem Jahr ein breites und vielfältiges Spektrum des Jazz. Gleich zu Beginn werden die Jazz-Fans in der Galerie „Alte Feuerwache“ in Göttingen abgeholt beim Konzert mit dem diesjährigen Festival-Ensemble um die deutsch-schwedische Bassistin Eva Kruse. Weitere Namen in diesem Jahr: Mariam Lazizi mit ihrem Quartett, Triosence, ein Projekt des portugiesischen Bassisten Carlos Bica und Jakob Manz mit seinem energetischen Quartett. Musik für Nachtschwärmer gibt es in der Kirche St. Marien gegenüber der Kulturscheune mit einer musikalisch tänzerischen Hommage zum 50-jährigen Jubiläum des legendären „Köln Concert“ von Keith Jarrett.
Ein Stimmungsbild von JAZZohneGLEICHEN 2023 – gemalt von Tom Stellmacher
Ein Bild und seine Geschichte
An der Wand in der Kulturscheune hängt ein beeindruckendes Bild. Matthias Heintz erklärt, was es damit auf sich hat: „Darauf sind wir ganz stolz. Es ist 2023 entstanden bei einem sehr besonderen Festival. Wir hatten das Glück, den großartigen Posaunisten Nils Landgren aus Schweden als „Artist in Residence“ für das ganze Festival hier zu haben. Wir machen es gern so, dass wir bei einem Pool von Musikern die in einigen Formationen spielen lassen. Eine davon war die von Nils Landgren mit dem Trompeter Benny Brown und dem großartigen Pianisten und Klarinettisten Ilja Ruf. Und wir hatten Tom Stellmacher da, einen Cartoonisten und Maler, der es sehr schätzt, bei Kulturveranstaltungen mittendrin zu sein. Er stellt dann seine Staffelei hin und nimmt Prozesse auf, die passieren, und gestaltet daraus ein Bild. Und so ist das hier entstandene Werk ein Stimmungsbild von JAZZohneGLEICHEN 2023. Auch Nils ist darauf zu sehen mit seiner „Redhorn“-Posaune und natürlich auch das Schloss.“ Ein besonderes Dokument eines Festivals, das bleibt.
Weitere Informationen zum diesjährigen Programm sind auf www.jazzohnegleichen.de und zum Kulturverein Rittmarshausen unter www.kulturohnegleichen.de zu finden.
Fokus
Fokus
Im Artikel genannt
Im Artikel genannt
Kulturverein Rittmarshausen e.V.
Kultur gehört auf's Land
Schloss Rittmarshausen
Rittergut in Rittmarshausen
Kommentare