Wo sich Puzzleteile zu Magie zusammenfügen

Waldbühne Bremke: Aus Integrationsprojekt wird ein Idyll voller Zauber

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Ein Ort voller Magie, er lässt Kinderaugen leuchten und hat sich die Aufgabe gegeben, „Licht zu senden in die Tiefen des menschlichen Herzens“, so heißt es in der Urkunde zur Grundsteinlegung. Bis heute werden in diesem Idyll Feen und Zauberer lebendig. Als Integrationsprojekt nahm die Waldbühne Bremke vor 76 Jahren ihren Anfang.
In der Dokumentation über die Anfangsjahre zum 40-jährigen Bestehen der Waldbühne in Bremke ist es zu lesen: Der damalige Vorsitzende Ernst Wille benannte Theo Friedrich als den Mann, „der die Idee zum Bau der Freilichtbühne entwickelt hat und jahrelang als Spielleiter der Märchenspiele zigtausenden Kindern und Erwachsenen beim Besuch der Waldbühne Freude und Entspannung schenkte.“
Nach dem zweiten Weltkrieg hatten sich in Bremke viele Flüchtlinge angesiedelt. Im Oktober 1947 machte sich der Flüchtlingsbetreuer Gerhard Petzold daran, eine Weihnachtsfeier für sie zu planen. Mit einem Theaterstück wollte er sie unterhalten. Schnell waren Mitwirkende dafür gefunden. Auch Theo Friedrich oder „Onkel Theo“ wollte sich engagieren, wenn nicht nur die Vertriebenen, sondern auch die Menschen in und um Bremke die Vorstellung besuchen könnten.

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Das Weihnachtsspiel war ein voller Erfolg, die „Bühnenfreunde Bremke“ waren geboren. Sie veranstalteten weitere Unterhaltungsabende und für das Jahr 1949 wurde der Bau der Freilichtbühne in Angriff genommen. Am 23. Februar 1949 beschloss die Realgemeinde mit Mehrheit, für das Projekt eine Fläche im Wagental zur Verfügung zu stellen. Am 1. Mai wurde der Grundstein gelegt. Auf der Urkunde, die eingemauert wurde, hatte Friedrich die oben zitierten Worte geschrieben: „Licht zu senden in die Tiefen des menschlichen Herzens, das soll die hohe ideelle Aufgabe der Bühnenfreunde sein, diesem Zwecke soll die hier errichtete Freilichtbühne dienen“.

Gemeinsam mit Einheimischen schufen die Zugezogenen das Freilichttheater. „Von dem Gelingen dieses außergewöhnlichen Projektes ist nicht nur das ganze Dorf überzeugt, sondern auch tatkräftig daran beteiligt. Jeden Abend, ob Sonntag oder Werktag, sieht man fleißige Hände mit Schippe und Hacke, die ihren Teil zu der Erdbewegung von über 600 Kubikmeter beitragen wollen“, so hieß es in der örtlichen Presse. Der Zimmerpolier und spätere Vorsitzende August Junge hatte die Leitung für den Bau der Bühne übernommen. Horst Fädrich aus dem Vorstand des Vereins „Waldbühne Bremke“ zeigt sich heute noch begeistert von dem, was die Menschen damals schafften. Innerhalb von zwei Jahren hätten sie im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzt.

Mit einer großen Feier, zu der sich das Dorf feierlich herausgeputzt hatte, wurde die Freilichtbühne am Sonntag, 23. Juli 1949, eröffnet. Das Fest begann mit Ansprachen, Chor und Orchester, einem großen Märchenfestzug und einem Kinderfest. Die erste Vorstellung „Schneewittchen“ von den Gebrüdern Grimm folgte am Abend, danach war Tanz in allen Sälen. Insgesamt 15.000 Menschen seien im ersten Monat nach der Eröffnung in die drei Stunden währende Aufführung gekommen, heißt es in einem Zeitungsbericht aus dieser Zeit.
„Dornröschen“ und „Der gestiefelte Kater“ kamen in den Folgejahren auf die Bühne. Bald schon sollte dort das Kreiserntedankfest ausgerichtet werden, auch der Dorfkirchentag wurde 1953 auf der Waldbühne begangen.

In den 1970er Jahren übernahm das Göttinger Volkstheater das Ruder, um 2012 wieder von Bremkern abgelöst zu werden. Glück für die Waldbühne: die Darsteller blieben. Und längst werden hier nicht nur Grimms Märchen gespielt. Denn wie solle man Kindern, die heute groß würden, erklären, was in den Märchen passiere, fragt Dr. Thomas Stiller, der derzeit als Vereinsvorsitzender wirkt.

Seit 2017 ist Stiller dabei, weil das Vorgängerteam vier Wochen vor der Premiere aufgegeben habe. 2018 ging „Die Zauberflöte“ über die Bühne. Mit Mozarts Oper als Grundlage schrieb der damals 18-jährige Rick Leander Stiller eine Fassung für die Freilichtbühne. Für die Arie der „Königin der Nacht“ habe die Schauspielerin Rosanne Gianna Stiller, zwei Jahre älter als ihr Bruder, in Paris Gesangsunterricht genommen, erzählt der Vater. Damals sei ihr Gesang eingespielt worden, denn die Königin der Nacht wurde von Heike Schatz verkörpert.

Dann schaute sich das Team im kalten Norden um und brachte „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen heraus. Frei nach Shakespeares „Sommernachtstraum“ erfand Sohn Stiller für die „Eiszeit“ einen Elfen, es schneite aus Konfettikanonen, man wagte erste Kompositionen.

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Rick Leander Stiller als Papageno mit buntem Federkostüm
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ute Lawrenz

Rick Leander Stiller adaptierte schon in jungen Jahren Stücke für die Waldbühne und steht auch selbst regelmäßig auf der Bühne, wie hier als Papageno in „Die Zauberflöte“

In einem Gespräch mit dem Stadtradio zum 70-jährigen Bestehen sagte Horst Fädrich, damals Vorsitzender der Mannschaft, die die größte Freilichtbühne in Südniedersachsen bespielt: „Kurz vor der Premiere drehen wir alle im roten Bereich.“ Wenn die Vorstellung dann laufe, gehe alles wie am Schnürchen. Die Fehler würden nur die Beteiligten bemerken. Tom Stiller vergleicht eine Produktion mit einem Puzzle: „Wenn sich alle Puzzleteile zusammenfügen, hat sich die Magie der Waldbühne erfüllt.“

„Zauber des erloschenen Vulkans“ hieß das Märchen zum 75-jährigen Bestehen. Wie in der laufenden Produktion „Alice im Wunderland“ hatte Silvie Stiller dabei den Hut auf. Die zweite Produktion 2025 ist „Die Comedy Schlager Show“, ein Musiktheaterstück, mit dem die Akteure eine Persiflage auf die moderne Medienwelt liefern wollen. Das alles geschieht mit derzeit etwa 20 Menschen im Ensemble, dazu kommen bis zu zwei Mitarbeitende für den Ton, zwei übernehmen den Service am Kiosk, die Einweisung managen drei bis vier Menschen.

Wie eine Fußballmannschaft funktioniere das Waldbühnenteam, sagt Tom Stiller, der als Vereinschef vielleicht mit einem Trainer verglichen werden kann. Er wünscht sich wie beim Fußball Auswechselspieler. In einer Produktion wäre es ideal, für alle Rollen eine Doppelbesetzung vorhalten zu können. Doch das scheitere heutzutage schon daran, dass die Leute alle zu viele Termine hätten.

Dass ein Besuch der Waldbühne ein Erfolg wird, dafür sorgen nicht nur die Produktionen, sondern auch unzählige Baumaßnahmen. „Weil wir so frech waren, den Orchestergraben auffüllen zu lassen“, könnten die Zuschauer jetzt besser sehen, erklärt Tom Stiller; nichts versinke mehr vor ihren Augen. Die neuen Klappsitze für einen Großteil der bis zu 750 Plätze seien vor mehr als zehn Jahren angeschafft worden. Auch das Tonhäuschen stamme aus dieser Zeit, die Anlage werde kontinuierlich verbessert. Mit Leader-Mitteln sei die Sanierung der Toilettenanlage finanziert worden, außerdem die Behindertentoilette und die Asphaltierung bis dorthin. Ein Defibrillator wurde gesponsort.

Um die Kosten für eine Produktion zu decken, wird die Waldbühne laut Stiller vom Landkreis gefördert, dazu kommen Sponsorengelder. Viel erwirtschafte die Waldbühne selbst durch die Vorstellungen und den Kiosk. 98 Prozent des Geldes, das am Kiosk erwirtschaftet werde, gehe in Schauspiel und Bühnenausstattung.

Wenn Tom Stiller für den Ort voller Magie einen Wunsch frei hätte, wäre das ein Glasdach für die Bühne. Nie wieder müssten die Akteure dann zittern, ob die Aufführung wegen Regen abgesagt werde. Die zunehmende Unsicherheit mit dem Wetter mache der Crew immer mehr zu schaffen. Bei einer Absage würden die Tickets erstattet oder könnten für einen anderen Termin genutzt werden. 300 bis 400 Zuschauer besuchten eine Vorstellung im Durchschnitt.

Insgesamt 6000 bis 10000 Zuschauende im Jahr sehen laut dem „Cheftrainer“ die Produktionen. Wenn eine Saison endet, beginnt gleich die nächste. Bei allem ist viel „Do-it-yourself“ angesagt. Die Natur muss regelmäßig gebändigt werden, nicht für alles reicht der Rasenmäher. Denn gleich hinter der Bühne beginnt die Wildnis. Auf den Wartungsgängen wird hin und wieder ein Siebenschläfer oder eine Blindschleiche gesichtet.

Nach der letzten Vorstellung der Saison heißt es zunächst Aufräumen, dann geht’s auf zum Neustart. Ein neues Stück wird ausgewählt, dann muss es bearbeitet werden. Das Ergebnis wird bis Anfang März erwartet. Nach Verteilung der Rollen erste Proben. Ein großes Glück für das Ensemble: Der Direktor der Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Groß Schneen, Jens Haepe, stellt die Aula für Proben zur Verfügung. Sobald die Witterung es erlaubt, ist der Umzug auf die Waldbühne angesagt. Schnell steht dort die Premiere vor der Tür. Es sei „viel Kraft, die du da reinstecken musst“, beschreibt Tom Stiller den Einsatz der Mannschaft. Am Ende der Saison sei man viel fitter als am Anfang.

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Szene aus Alice im Wunderland auf der Waldbühne Bremke
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ute Lawrenz

Der Grinser, das weiße Kaninchen, der Herzbube und Maria (v. l.) aus dem Stück „Alice im Wunderland“

„Hier kannst du mit der ganzen Familie hingehen“, wirbt Stiller für die Bühne in Bremke und wünscht sich, dass die Menschen die Distanz nicht so scheuten. Immerhin seien schon Besucher von weit her, zum Beispiel aus Dresden, zu einer Vorstellung auf der Waldbühne gekommen, das Junge Theater habe Gastspiele dort gegeben. So wirke die Institution als „Aushängeschild für Gleichen“. Gern angenommen werde die Möglichkeit, Kindergeburtstage dort zu feiern.

In dieser Saison sind wie bereits berichtet „Alice im Wunderland“ und die „Die Comedy Schlager Show“ auf der Waldbühne Bremke zu sehen. Weitere Infos und Termine unter www.wbbremke.de

Verfasser:in

Ute Lawrenz

Journalistin und Autorin des kulturis-Magazins

Fokus

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Im Artikel genannt

Im Artikel genannt
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Die Comedy Schlager Show
Aufführung

Die Comedy Schlager Show der Waldbühne Bremke

Die Waldbühne Bremke präsentiert 2025 erstmals ihre Comedy Schlager Show: Ein Musiktheaterstück mit viel Witz und vielen großen Schlagerhits aus den vergangenen 5 Jahrzehnten. Showbeginn: 18 Uhr, Einlass ab 17 Uhr. Wetterbedingt kann es zu Ausfällen kommen. Bitte vorab informieren, ob die...

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