TRANSHUMAN N°5

Dysis - Astali/Peirce, Birte Bosse, Simon Faithfull, Olga Fedorova, Stella Geppert, Bastian Hoffmann, Virginie Ittah, Delia Jürgens, Felix Kiessling, Frederik Marks, Aline Schwörer, Geerten Verheus

Status
Findet planmäßig statt
—
Zum Kalender hinzufügen

„Das Ende der Welt ist bereits eingetreten. Wir können das Datum, an dem die Welt unterging, mit unheimlicher Genauigkeit bestimmen. Bequemlichkeit wird nicht ohne Weiteres mit Geschichtsschreibung in Verbindung gebracht, ebenso wenig wie mit geologischer Zeit. Aber in diesem Fall ist es unheimlich klar. Es war im April 1784, als James Watt die Dampfmaschine patentieren ließ, ein Akt, der die Ablagerung von Kohlenstoff in der Erdkruste einleitete – nämlich den Beginn der Menschheit als geophysikalische Kraft auf planetarischer Ebene.“ *

 

Dysis – Δύσις ist altgriechisch und bedeutet u.a. „Untergang eines Gestirns“, „Westen“, „Abenddämmerung“, „Setzung“ und „Versteck“. In der griechischen Mythologie ist „Dysis“ auch die Schutzgöttin der Zeit des Sonnenuntergangs, der Phase der Dämmerung beim Wechsel vom Tag zur Nacht, die auch als Moment der Reflexion und des Wandels gesehen wird. Die so betitelte, finale Gruppenausstellung 2026 stellt Werke zur Jahresthematik TRANSHUMAN in den 320 qm großen Ausstellungsräumen im Alten Rathaus Göttingen gegenüber. Dafür bringt sie international anerkannte Positionen mit wichtigen Neuentdeckungen zusammen und setzt die jeweiligen Arbeiten in neue, oft erhellende Beziehungen. Das Ganze ist auch kuratorisches Neuland.
Denn für Dysis wird das Szenario einer verlassenen Zukunft nach unserer aktuellen Zivilisation bewusst inszeniert: Nur noch vereinzelte Skulpturen und Objekte in den mittelalterlichen Galerieräumen lassen vergangene, humane Aktivität erahnen, oder deformierte Objekte ohne Funktion künden noch von unserer aktuellen Hochkultur. Dazu kommen Filmszenen von verfallenen Architekturen und dysfunktionalen Fortbewegungsmitteln. So bilden die gezeigten Werke ein räumliches Netzwerk von künstlerischen Zeugnissen und Spurenträgern einer ehemaligen Anwesenheit, einer vergangenen Aktivität. Wie an einem Tatort können die Betrachtenden die Nachwirkungen von etwas Gewesenem erfassen, ohne vollends auflösen zu können, was eigentlich geschah. Simon Faithful zeigt die überflutete Ferienanlage eines Ölingenieurs, Bastian Hoffmann steuert einen auf dem Boden zerflossenen Porschemotor bei, Stella Geppert lässt Ton-Aufwühlungen einer Gruppe arbeitender Menschen erstarren, Birte Bosse stellt herausgebrochene Beton–Armierungen auf und Astali/Peirce ein platzieren ein bereits mineralisiertes T-Shirt, um nur einige Beispiele aufzuführen.
Alle gezeigten Arbeiten zeichnet eine finale Rätselhaftigkeit aus, sie evozieren Gedanken und Gefühle, ohne jemals ein klares Ergebnis oder einen klaren Grund für ihre erratische Präsenz einlösen zu können. In diesem Stadium der Spannung zwischen Ahnung und Verweigerung verharren sie in Raum und Kondition. Damit verweisen sie u.a. auf den philosophischen Themenkomplex des spekulativen Realismus (oder dem verwandten Gebiet der Object Oriented Ontology), welcher folgende Tatsache einfordert: Die Dinge an sich haben einen autonomen Bereich, der sich einer final durchdringenden menschlichen Wahrnehmung oder wissenschaftlicher Messbarkeit entzieht. Dementsprechend muss es einen gewichtigen Teil der Realität außerhalb unseres Bewusstseins geben. Das bedeutet wiederum: die Dinge in der Welt verhalten sich in Wahrheit autonom und sie sind nicht anthropozentrisch geordnet; quasi um die menschliche Wahrnehmung und Forschung herum kausal angeordnet. Timothy Morton erweitert dieses Weltverständnis mit den sogenannten „Hyper Objects“. Das sind tiefgreifende Prozesse und Entwicklungen, welche so lange dauern, oder so komplex sind, dass sie sich sowohl der menschlichen Vorstellungskraft als auch einer kompletten wissenschaftlichen Modulation entziehen und dennoch ständig unseren Planeten verändern. Die Zersetzung der Welt durch die expandierende, technologisch–maschinelle Umwandlung der globalen Ressourcen in Energie, Produkte, Rechnerprozesse und Dienstleistungen ist für ihn das Beispiel eines Hyperobjects.

Zusätzlich konfrontieren die Setzungen der Ausstellung die Besuchenden auch oft fast salopp mit der Frage: „Ist das die ausgestellte Kunst oder war das schon vorher da?“ So entsteht eine ungewöhnliche Durchsetzung von Alltag mit Hochkultur: Eine bereits vergangene, nahe Zukunft oder besser: Die Möglichkeit der Vergangenheit unserer Epoche ist in der Realität unserer Gegenwart angekommen. Zusätzlich gibt es da noch einzelne „Wesen“ einer belebten, posthumanen Zukunft, welche sich in ihren Aktivitäten gerade das brachliegende Terrain dieser Ausstellung erobern. Beispielhaft ist hier das Wachswesen einer Virginie Ittah oder die neuen Spezies einer Aline Schwörer.

In der Summe ergibt sich also folgendes Szenario in der nahen Zukunft: Die Ära des Transhumanismus ist gescheitert und dämmert bereits ihrem finalen Ende entgegen, während sich die neue Ära des Posthumanismus bereits anbahnt. Die Ausstellung präsentiert damit eine Phase des Transits, der Gleichzeitigkeit zweier Epochen. Es wird ein Schwellen–Zustand erzeugt, eine inszenierte Liminalität in der Zeitrechnung. Für die Gäste tauchen hier Fragen auf wie: „Befinden wir uns bereits im Ausklang einer Epoche und was sind ihre Relikte?“ – „Wie würden wir uns in dieser Dämmerung des Westens positionieren?“ und: „Welche Zukunft könnte uns am Morgen des Wandels erwarten?“ In diesem Sinne ist diese abschließende Ausstellung 2026 auch eine Art von Schnittstelle in das kommende Ausstellungsjahr 2027: >POSTHUMAN.

* Timothy Morton in „Hyperobjects – Philosophie und Ökologie nach dem Ende der Welt“, 2013, S.7

Alles anzeigen zu

Veranstaltungsort

Veranstaltungsort

Altes Rathaus Göttingen

Ort der Begegnung inmitten der Stadt

Adresse

Altes Rathaus Göttingen
Markt 9
37073 Göttingen
Deutschland

Verortung
Art der Veranstaltung
Vor Ort

Veranstalter:in

Veranstalter:in

Weitere Termine

Weitere Termine

Galerie