Was ist das?
Das ist ein Gebetsteppich – etwa einen Meter lang und 65 Zentimeter breit. Er wurde vor rund 30 Jahren in der Türkei hergestellt. Dort hat die Produktion von sogenannten Seccade, wie man diese Teppiche nennt, eine lange Tradition. Besonders bekannt sind sie für ihre hochwertige Verarbeitung und das typische Muster: eine Art Nische, die an die Mihrab, die Gebetsnische in einer Moschee, erinnert.
Der Teppich hier besteht aus grün-weiß-braunem Stoff mit einem dekorativen Rand und grünen Fransen. Für muslimische Gläubige ist so ein Teppich wichtig – laut islamischem Recht soll er den Boden beim Gebet bedecken, damit dieser als rein gilt. Besonders auf Reisen oder in geschlossenen Räumen ist das unerlässlich.
Warum ist es für dich persönlich ein besonderes Objekt?
Weil dieser Teppich eine ganz persönliche Geschichte erzählt. Die Frau, der er gehörte, brachte ihn einst aus ihrer Heimat mit. Zehn Jahre lang hat sie auf ihm gebetet – zu Hause und an den heiligsten Orten des Islam: in der Großen Moschee in Mekka, in der Prophetenmoschee in Medina und im Felsendom in Jerusalem.
Die Spuren dieser innigen Nutzung sind deutlich erkennbar. An den Stellen, wo sie ihr Gesicht und ihre Hände beim Gebet auflegte, ist der Stoff abgerieben. Solche Abdrücke machen das Objekt zu einem wertvollen Zeugen gelebten Glaubens.
Was erzählt er über Südniedersachsen?
Mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Dieser Gebetsteppich ist nicht nur ein religiöser Alltagsgegenstand – er erzählt Migrationsgeschichte. Er erinnert daran, dass viele Menschen mit ihren persönlichen Dingen neue Lebensorte mit ihrer Herkunft verbinden. Migration ist ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte, auch hier in Südniedersachsen. Solche Objekte sind wichtige Erinnerungsträger – sie zeigen, dass unsere Gesellschaft von vielen Kulturen mitgestaltet wurde und wird.
Wie kam der Gebetsteppich ins Museum?
Die Besitzerin hat den Teppich 2008 dem Museum geschenkt – ein Zeichen der Verbundenheit mit der Stadt und ihrem kulturellen Gedächtnis. Damit ist er heute nicht nur Ausstellungsstück, sondern auch ein Beitrag zu mehr Sichtbarkeit migrantischer Perspektiven im Museum. Denn auch wenn Migration ein prägendes Thema unserer Gesellschaft ist, kommen die Geschichten von Migrantinnen, ihren Kindern, Schwarzen Menschen und People of Color in der deutschen Erinnerungskultur oft zu kurz. Das Museum will das ändern – und lädt die Besucherinnen dazu ein, neue Blickwinkel einzunehmen.
Wo kann man ihn sehen?
Der Teppich war vergangenes Jahr in der Dauerausstellung zum Thema Religion im Städtischen Museum Göttingen zu sehen, ist nun aber aufgrund einer Raumumgestaltung wieder im Depot des Museums.
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