Was ist das?
Bei dem mit Schnitzereien verzierten Objekt aus Eichenholz handelt es sich um den Rest des Chorgestühls aus der Walkenrieder Klosterkirche. Im Gegensatz zu heutigen Pfarr- oder Bischofskirchen dienten die Klosterkirchen des Mittelalters in erster Linie dem Chorgebet. Siebenmal am Tag und einmal in der Nacht versammelten sich auch die Walkenrieder Zisterziensermönche zum Stundengebet. Dazu kamen eine tägliche Messe und weitere Messen an kirchlichen Festtagen. Das Chorgestühl war U-förmig im Mittelschiff der Kirche aufgestellt – geöffnet zum Altarraum ganz im Osten. Jeder Mönch hatte seinen festen Platz, seine „Stalle“. Dies ermöglichte nicht nur einen geordneten und schweigenden Einzug, sondern spiegelte auch die Hierarchie innerhalb des Konvents: vom Abt und vom Prior ausgehend waren die Plätze absteigend nach Eintrittsalter angeordnet.
Warum ist das Chorgestühl für das ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried ein besonderes Objekt?
Der Rest des um 1300 entstandenen Chorgestühls ist das einzige mittelalterliche Ausstattungsstück aus Holz, das sich aus der gotischen Klosterkirche bis heute erhalten hat. Nachdem die Klosterkirche 1525 durch die aufständischen Bauern beschädigt wurde und 1570 wegen Baufälligkeit von den inzwischen evangelischen Mönchen aufgegeben werden musste, wurde der Kapitelsaal zum neuen Kirchenraum. Auch der bis heute erhaltene Rest des Chorgestühls wurde im Kapitelsaal aufgestellt. Anstelle der ursprünglichen hohen Rückwand mit Baldachin und Zwischenwangen wurde ein neues Rückenbrett angebracht und die Seitenwange wurde im oberen Bereich abgesägt. Trotz dieser wechselvollen Geschichte zeigt der verbliebene Rest einen für die Zisterzienser typischen zurückhaltenden Schmuck mit Blendmaßwerk und floralen Schnitzereien. Auf der Unterseite der Klappsitze befinden sich die sogenannten Miserikordien, kleine horizontale Simse, die dem Stehenden, in hochgeklapptem Zustand, ein Abstützen erlaubten. Es war ganz genau geregelt, bei welchen Gelegenheiten die Miserikordien – vom lateinischen misericordia für Barmherzigkeit – genutzt werden durften. Diese Stützen sind häufig besonders verziert, so auch bei den sieben erhaltenen Stallen in Walkenried. Sechs sind mit geschnitzten Beifußblättern geschmückt und die siebte mit Weinlaub und Trauben – vermutlich ein Hinweis darauf, dass hier der Abt oder der Prior seinen Platz hatte.
Was erzählt das Chorgestühl über Südniedersachsen und das Kloster Walkenried?
Das Chorgestühl ist ein Beispiel dafür, dass man auch nach der Reformation während des Gottesdienstes gern „standesgemäß“ gesessen hat. Aber nicht nur der evangelische Konvent aus Walkenried hat das Chorgestühl weitergenutzt. So hat sich etwa in Einbeck in der ehemaligen Stiftskirche St. Alexandri das Chorgestühl von 1288 erhalten. Zusammen mit dem Chorgestühl aus dem Kloster Pöhlde aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, das sich heute im Landesmuseum Hannover befindet, gehören die „Stallen“ aus Walkenried zu den ältesten in Südniedersachsen.
Wie kam das Chorgestühl ins Museum?
Mit der Eröffnung des ZisterzienserMuseums Kloster Walkenried 2006 wurde das Chorgestühl aus dem Kapitelsaal in den Dauerausstellungsbereich versetzt.
Wo kann man es sehen?
Die sieben verbliebenen Stallen und die Seitenwange sind dauerhaft im Erdgeschoss der sogenannten Abtei ausgestellt.
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