Das Jazzfestival Göttingen

Vom Blue Roseland Orchestra bis zu Sun Ra

Veröffentlichungsdatum

Intro

Wenn hochkarätige internationale Künstler im Programm eines Jazz-Festivals auftauchen, dann zeigt das den Anspruch, in der oberen Liga der Festival-Szene mitzuspielen. Wenn sich auch viele Musiker aus Deutschland im Programm wiederfinden, dann ist das ein Beleg für die Bedeutung des nationalen Jazz im Festival. Und wenn auch regelmäßig sehr viele Bands aus der Region Gehör finden, dann wird deutlich, wie wichtig den Festival-Machern die regionale Szene ist. Wenn sich das alles zudem in einem breiten stilistischen Segment abspielt, dann ist das Interesse an der ganzen Vielfalt von Traditionell über Modern zum freien Jazz erkennbar.

Was vor fast 48 Jahren in Göttingen mit einem Big-Band-Programm begann, ist heute neben Berlin, Frankfurt und Leverkusen eines der drei ältesten Jazz-Festivals in Deutschland. Vom 31.10. bis zum 8. 11. 2025 findet das 48. Jazzfestival Göttingen statt. Rund 35 Konzerte sind es, die an den beiden Haupttagen am 7. und 8.11. auf drei Bühnen im Deutschen Theater und in der Volksbank Göttingen, dem Alten Rathaus, im KIM, im Nörgelbuff und in der Musa stattfinden. Außerdem gibt es wieder ein Konzert bei „Kultur im Esel“ in Einbeck-Sülbeck. Wie immer wird das bewährte und erfolgreiche Konzert verfolgt, internationale und nationale Musiker, Göttinger Amateur- und Schülergruppen, semi-professionell arbeitende Lokalmusiker und insbesondere Göttinger Schüler-Big Bands einzubinden.

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Hilmar Beck und Johannes Förster im Keller des Deutschen Theaters
Alle Rechte vorbehalten Klaus Hoheisel

Hilmar Beck und Johannes Förster aus dem Organisationsteam des Jazzfestivals im Keller des Deutschen Theaters

Die Organisatoren

Bei der Organisation des Jazzfestivals Göttingen haben seit 1978 bis heute mehr als 50 engagierte Jazz-Liebhaber mitgewirkt. Von Anfang an dabei, auch als Musiker, ist Jochen Beyer. Seit dem zweiten Festivaljahr wirkt der Musiker Ove Volquartz mit, der lange Vorsitzender war. Dann kommt Hilmar Beck, der bereits 1978 zu den Besuchern gehörte und das Festival seit 1988 mitorganisiert. Seit 1990 ist er auch im Vorstand und seit Ende 2023 Vorsitzender des Vereins. Auch der Musiker Bernd Natwothnig ist schon sehr lange dabei. Zum aktuellen Organisationsteam des Jazzfestivals Göttingen gehören außerdem Jörg Bachmann, Philipp Bode, Christiane Eiben, Johannes Förster, Katharina Otto, Sebastian Otto, Sven von Samson und Jan Strümpel.

Wie ist es gelungen, den Anspruch des Festivals über eine so lange Zeit bis heute kontinuierlich über alle Bewegungen und Wandlungen hinweg zu verwirklichen, wie sieht es heute aus und wo geht es noch hin? Im Gespräch haben Hilmar Beck, Vorsitzender des Vereins Jazzfestival Göttingen e. V., und der Geschäftsführer Johannes Förster Auskunft gegeben.

 

Die ersten Jahre – Big-Band-Klänge aus der Region

Das 1. Göttinger Jazzfestival entstand 1978 aus dem Wunsch einer angemessenen Feier zum 10. Geburtstag des Blue Roseland Orchestra, das Engelhard Schatz und Claus Jacobi 1968 aus einem wilden Haufen jazzbegeisterter Göttinger Studenten zu einer Big Band geformt hatten. Die Musiker begeisterten sich für die klassischen „schwarzen“ Big Bands der 1920er und frühen 1930er Jahre. Das waren die stilbildenden Swing-Orchester von King Oliver, Fletscher Henderson und Duke Ellington, in denen die größten Jazzer und großen Vorbilder spielten. Diese Musik ist bis heute fester Bestandteil des Festival-Konzeptes mit Musikern zumeist aus Göttingen und dem Umland. Vor allem auch Schülerinnen und Schüler aus Schul-Big-Bands können sich im Festival präsentieren. Einige Bands dieser Stilrichtung haben jahrelang bestanden, sind immer wieder auf dem Festival aufgetreten und bestehen teilweise bis heute. Es sind Gruppen wie die Red Roseland Cornpickers, New Call, Upstairs, Jazz for Fun Society, Jazz Cussion und die New Orleans Syncopators, die Festival-Geschichte geschrieben haben.

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Blick von der Bühne des Deutschen Theater ins Publikum - im Vordergrund ein Schlagzeug
Alle Rechte vorbehalten Peter Heller

Seit 1986 ist das Jazzfestival im Deutschen Theater Göttingen zu Hause und bespielt dort drei Bühnen. HIer eine Impression aus dem Jahr 2009.

Das Konzept & Schwerpunkte

Schon beim 2. Göttinger Jazzfestival setzten sich Musiker unterschiedlichster Stilistik aus der Oldtime-Szene und der Jazzmusikerinitiative mit modernem Schwerpunkt zusammen und die grundlegende Konzeption des Festivals wurde entwickelt, die auch heute noch trägt: eine breite stilistische Vielfalt, die Präsentation international bekannter Musiker*innen und Gruppen und schließlich eine breite Einbeziehung der Göttinger Szene.

Die räumlichen Möglichkeiten waren anfangs noch relativ beschränkt. Zunächst standen nur die Stadthalle und die Alte Mensa am Wilhelmsplatz mit Blue Note, Taberna und Clubkino zur Verfügung. Begrenzt waren zunächst auch die finanziellen Möglichkeiten. Trotzdem gelang es Jahr für Jahr, attraktive Angebote zu realisieren.

Ab 1980 orientierte sich die Programmatik an Länderschwerpunkten, zunächst mit Osteuropa, danach mit den Niederlanden, Frankreich und Skandinavien. Inhaltliche Schwerpunkte waren 1983 das 25-jährige Bühnenjubiläum von Gunter Hampel, der 100. Geburtstag von Jelly Roll Morton 1985 und „Jazz und Klassik“ 1986.

Viele Vorteile ergaben sich 1986 mit dem Umzug des Festivals ins Deutsche Theater: mehrere Bühnen, eine funktionierende Infrastruktur, eine gute Akustik und Garderoben.

Die Ausrichtung des Festivals an Themenschwerpunkten war ab 1987 nicht mehr möglich. Immer stärker wurde die Zwangsläufigkeit, die Hauptacts nach dem Tourneeangebot von Agenturen auszusuchen. Steigende Gagen und Reisekosten ließen kaum eine Alternative. Der eher familiäre Charakter des Festivals ging damit etwas verloren. Andererseits war es möglich, internationale Spitzenmusiker der verschiedensten Stile einzuladen. Manche standen vor dem großen Durchbruch und wären schon kurz danach nicht mehr bezahlbar gewesen. Heute kann das Festival mit den finanziellen Möglichkeiten nur noch in Ausnahmefällen ein „Einladungsfestival“ sein. Im Regelfall ist es auf die Tourplanungen von Agenturen, Labels und Künstler*innen angewiesen.

1998 wurde die Tradition der Festivalschwerpunkte mit „Deutschland und Frankreich“  wieder aufgenommen. 1999 lautet das Motto „Nordic Jazz“. 2000 stand ein Ausschnitt der Jazzentwicklung im deutschen Raum im Mittelpunkt. Den Grenzbereichen des Jazz widmete sich das Festival 2001. Seit einigen Jahren finden sich auch regelmäßig interessante Jazz-Filme im Programm: Zu sehen waren die Filme „Charlie Haden – Ramblin´ Boy“, „Carlo, keep swingin´“, „Miles Electric“ und in diesem Jahr „Köln 75“.

Immer wieder ging es auch raus aus dem Deutschen Theater an besondere Spielorte in Göttingen. Ab 1997 wurde die Musikhalle Outpost für Sonderkonzerte am Sonntagabend in das Festival einbezogen. 2003 folgte die Kooperation mit der Musa.

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Der Saxophonist Marshall Allen
Alle Rechte vorbehalten Alciro Theodoro da Silva

Viele bekannte Namen finden sich im Archiv des Jazzfestivals. Unter ihnen auch der des Saxophonisten Marshall Allen des Sun Ra Arkestra, welcher 2017 in Göttingen auftrat.

Gäste aus aller Welt

3126 Einträge finden sich im Archiv mit Namen von Jazz-Stars und Bands aus aller Welt. Hier nur eine kleine Auswahl aus der großem Vielfalt: Carly Bley & Steve Swallow, John Abercrombie, John Scofield, Bill Frisell, Philip Catherine, Dave Holland, Rabih Abou-Khalil, Billy Cobham, Kenny Garrett, Collosseum, The Tiptons Sax Quartet + Drums, David Murray, Archie Shepp, Omar Sosa, Joe Zawinul, Stanley Clarke, Tony Allen, Al di Meola, Marilyn Mazur, Colosseum, Maria Joáo, Michel Portal, Kenny Wheeler, Ian Carr, Barre Philips, Nils Petter Molvaer, Iro Rantala, Nils Landgren, Ketil Bjǿrnstadt, Willem Breuker Kollektief, Han Bennink, Moscow Art Trio, Oregon, Gary Peacock, The Kutimangoes, Ramesh Sotham, Kanataka College of Percussion, Charlie Mariano, Jasper van´t Hof, Reto Weber, Hermeto Pascoal, Mari Boine & Band, Art Ensemble of Chicago, Sun Ra Arkestra.

 

Jazz aus Deutschland

Auch aus Deutschland finden sich nahezu alle großen Namen: Albert Mangelsdorff, Emil Mangelsdorff, Klaus Doldingers Passport, Wolfgang Dauner, United Jazz & Rock Ensemble, Michael Wollny, Julia Hülsmann, Barbara Dennerlein, Peter Brötzmann, Günter Baby Sommer, Uwe Kropinski, Joe Sachse, Coco Schumann, Joachim Kühn, Rolf Kühn, Heinz Sauer, Alexander von Schlippenbach, Jazzkantine und natürlich mehrfach Gunter Hampel mit seinen Projekten. Hinzu kommen viele junge Musikerinnen und Musiker.

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Die Big-Band der Musikschule Musikuss bei einem Auftritt im Deutschen Theater
Alle Rechte vorbehalten Katharina Otto

Die Musikschule Musikuss war mit ihrer Big Band bereits mehrfach zu Gast – zuletzt beim Jazzfestival 2024.

Auf dem Weg zum Jubiläum 

Zwei Jahre vor dem großen Jubiläum gibt es einige Highlights im Programm 2025: die NDR-Big Band mit der neuen Leiterin Nikki Iles, die „Tineke Postma Aria Group“ aus den Niederlanden, das Trio „Shalosh“ aus Israel um den Pianisten Gadi Stern, das „Yumi-Trio“ um die Sängerin Yumi Ito im Alten Rathaus und das Quintett des Oud-Spielers und Sängers Dhafer Youssef aus Tunesien, dessen Heimat mal Tunis, mal Wien, dann Paris oder auch New York ist. Vielleicht das ganz besondere Konzert des diesjährigen Festivals. Dhafer Youssef ist in der arabischen Musik- und Gesangstradition Nordafrikas verwurzelt. Mit experimentierfreudiger Musikleidenschaft ist es ihm gelungen, sehr divergente Musiktraditionen miteinander zu verbinden. Ein Musiker, der für das Bestreben des Jazzfestivals Göttingen steht, jedes Jahr wieder auf die Suche zu gehen nach musikalischen Projekten, in denen das Neue, Ungewohnte gewagt wird.

2027 steht das 50‑jährige Jubiläum an. Erste Überlegungen gibt es für eine zweite Festival-Broschüre, die dazu vorgelegt werden soll. Bereits 2007 ist zum 30-Jährigen eine erste erschienen. Auch zum Programm dürfte das gut funktionierende und bestens zusammenarbeitende, engagierte Organisationsteam mit erfahrenen Akteuren und auch jüngeren Mitgliedern schon Ideen haben.

Das Jazzfestival Göttingen ist neben Berlin und Frankfurt nicht nur eines der drei ältesten Jazz-Festivals in Deutschland. Es ist in Niedersachsen das älteste und größte und eines der ganz wenigen Jazzfestivals dieser Größenordnung, das noch ehrenamtlich organisiert ist. Und es ist ein Festival, das Programm für die Stadt Göttingen und für die Region machen möchte. Eine großartige Leistung des Festival-Teams, in dem auch die vielen weiteren ehrenamtlichen Helfer nicht vergessen werden dürfen, die sich immer in der Festivalwoche zuverlässig um Aufbau und Technik, Kartenverkauf, Einlass, Catering, Künstlerbetreuung und Fahrdienste kümmern. Gutes Gelingen auf dem Weg zum 50‑jährigen Jubiläum.

Verfasser:in

Klaus Hoheisel

Kulturveranstalter und Autor im kulturis-Magazin

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Im Artikel genannt

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48. Göttinger Jazzfestival 2025
Festival

48. Jazzfestival Göttingen 2025

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