ESC-Special: Zu Gast bei Niklas Kahl von Lord of the Lost

Der Osteroder Schlagzeuger berichtet über Liverpool, die Tour mit Iron Maiden und die Musikszene im Harz

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Spätestens seit dem Sieg beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) ist Lord of the Lost als Band in den Medien allgegenwärtig. Mit ihrem Lied „Blood and Glitter“ belegten die fünf Musiker Anfang März klar den ersten Platz vor ihren musikalischen Mitbewerbern und werden nun Deutschland beim ESC-Finale in Liverpool am 13. Mai vertreten. Seit ihrer Gründung 2009 musiziert die Dark Metal-Kombo national und international überaus erfolgreich. Neben Bandleader Chris Harms (Gesang), Klaas Helmecke (Bass), Gerrit Heinemann (Keyboard), Pi (Gitarre) gehört auch Niklas Kahl (Schlagzeug) aus Osterode am Harz dazu. Basislager der Truppe ist Hamburg, Stillstand für die Jungs ein Fremdwort. Deshalb lautet einer ihrer Glaubenssätze, dass Grenzen nur dazu da seien, um sie zu überwinden.

Lord of the Lost hat es geschafft, Einflüsse aus den Genres Metal, Industrial, Glam, Rock und Pop zu verbinden und sich stets neu zu erfinden. Sowohl musikalisch als auch optisch. Charakteristisch sei nach eigenen Angaben die unbändige Live-Energie mit vielen emotionalen Momenten, die es erlaube, eine einzigartige Bindung zwischen Band und Fans zu kreieren, die oft eher einer familienartigen Community gleiche. Unlängst wurde eine kleine Tournee mit Konzerten in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien absolviert, bevor es nun in Kürze über den Ärmelkanal geht.

kulturis-Redakteur Ralf Gießler traf sich zu einem Gespräch mit dem Schlagzeuger der Band, Niklas Kahl. Er wohnt mit seiner Lebensgefährtin und den zwei gemeinsamen Kindern nach wie vor in der Sösestadt. Der Familienvater plauderte ausführlich über sein bewegtes Musikerleben sowie die Musikszene in Südniedersachsen und gewährte zudem gerne Einblicke in sein Privatleben nebst weiteren Vorhaben in 2023. Ein Träumchen für jeden Journalisten. Denn nichts ist schlimmer als ein Gegenüber zu haben, der nur Ein-Wort-Antworten gibt oder dem man Informationen „aus der Nase ziehen muss“. Unser Gesprächstermin lief fröhlich, völlig normal und unaufgeregt ab. Man könnte auch sagen südniedersächsisch locker eben: Keine nervigen Pressevertreter oder Manager, die aus dem Hintergrund ins Interview „grätschen“. Und schon gar keine Starallüren oder sonstige Faxen, einfach herrlich!

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Niklas Kahl sitzt auf einem Gartenstuhl.
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ralf Gießler
kulturis-Redakteur Ralf Gießler kennt Niklas Kahl aus Osterode persönlich und traf sich mit ihm Zuhause zum Gespräch.

Niklas entstammt einer Musikerfamilie. Seine ersten musikalischen Gehversuche begannen, da war er noch nicht einmal sechs Jahre alt. Nach langer Aktivität in unterschiedlichen Akkordeonorchester-Formationen des Vaters – er ist Lehrer an der Kreismusikschule Landkreis Göttingen – begann Niklas mit vierzehn Jahren, sich in Richtung Pop, Rock und Metal-Musik zu orientieren. Bereits mit 19 Jahren spielte er seine erste Europatour. Es folgten weitere Konzerte, Festivals und Tourneen als Schlagzeuger mit unterschiedlichen Künstlern, überwiegend bei Gruppen, die für Bands wie Unheilig oder den Scorpions das Vorprogramm bestritten. Bei der deutschen Band Oomph! fungierte er auch als Aushilfsschlagzeuger. Von 2011 bis 2015 war Kahl Live- und Studio-Schlagzeuger für die deutsche Gothic-/Neue Deutsche Härte-Band Stahlmann, mit denen er internationale Headliner-Touren und Festivals spielte sowie für die internationale Progressive-Rock-Band Flaming Row. 2014 war Niklas Mitbegründer von Erdling. Die zwei mit ihm veröffentlichten Alben platzierten sich in den deutschen Albumcharts. Seit dem Sommer 2017 spielte Kahl zunächst als Aushilfe bei Lord of the Lost. Im folgenden Winter entschloss er sich, Erdling zu verlassen und stieg als neuer fester Schlagzeuger bei Lord of the Lost ein.

 

Niklas, seit wann spielst du Schlagzeug, wann war für dich klar, dies zum Beruf zu wählen?

Ich trommle seit meinem fünften Lebensjahr. Ich genoss eine klassische Ausbildung an der Kreismusikschule und bei verschiedenen privaten Lehrern. Es war immer mein Traum, Berufsmusiker zu werden und nach ein paar Jahren „Umweg“ über die Bereiche IT und Sozialpädagogik habe ich das dann auch verwirklichen können.

Wie funktionierte die Professionalisierung zum Berufsmusiker, wie lange arbeitet man daran bis man davon leben kann?

Das kann man nur schwer pauschalisieren. Man kann Musik an einer Hochschule studieren und im Anschluss in eine Festanstellung an beispielsweise einer Musikschule gehen oder frei arbeiten. Für das freie Arbeiten, also als Freiberufler, bedarf es keines Abschlusses. Viele Musiker, die mit Bands touren oder im Studio arbeiten, unterrichten zudem auch noch als Privatlehrer. Das kann ein wenig Sicherheit geben, ein einigermaßen geregeltes Einkommen, denn man weiß oft im Vorfeld nicht, wie oft man in der Zukunft gebucht wird.

Was sagte dein familiäres Umfeld dazu?

Ich komme ja aus einer Musikerfamilie. Meine Mutter ist gelernte Musikalienhändlerin und unterrichtet Akkordeon und Keyboard. Mein Vater ist studierter Musiklehrer, Komponist, Arrangeur und Dirigent und mein Bruder ist Bassist. Unsere Eltern haben uns in all unseren Bestreben immer sehr unterstützt!

Gab es Hürden bei deiner Professionalisierung, wenn ja, welche? War es leicht oder leichter als gedacht?

„Hürden“ würde ich es nicht nennen. Aber man muss sich, egal ob als einzelner Musiker oder gesamte Band, erstmal etablieren. Bekanntmachen, regional wie überregional. Das ist heute durch das Internet und die sozialen Medien durchaus einfacher als früher, jedoch auch nicht zu unterschätzen. Es bedarf einer Menge Durchhaltevermögen und Biss. Allgemein habe ich natürlich die üblichen Probleme eines jeden Freiberuflers zu bewältigen: Bei Banken nicht kreditwürdig und bei Versicherungen schnell in den Höchstsätzen. Aber speziell in meinem Job ist es natürlich so, dass ich sehr viel reise und entsprechend oftmals lange fort von Zuhause bin. Das ist zum einen nicht schön für die Familie und zum anderen auch organisatorisch nicht immer ganz einfach, da meine Partnerin auch berufstätig ist.

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Niklas Kahl sitzt am Schlagzeug, im HIntergrund ist auf einem Monitor das Cover des Lord of the Lost Albums "Blood and Glitter" zu sehen.
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ralf Gießler
Niklas Kahl unterrichtet auch Schlagzeugschüler:innen in seinem Übungsraum an der „Schießbude“

Wenn du nicht dein Hobby zum Beruf gemacht hättest, was wäre dein Plan B gewesen?

Als Kind wollte ich immer Hubschrauberpilot werden. Später habe ich mich, wie schon gesagt, in Richtung IT und Sozialpädagogik orientiert. In letzterem Bereich habe ich auch einige Zeit gearbeitet, bevor ich in die Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit gegangen bin. Dort in der Sozialpädagogik wäre ich vermutlich auch jetzt noch zu finden.

Wie viele Stunden übst du für dich selbst Schlagzeug pro Woche oder Tag?

Ich übe keine bestimmte Stundenzahl. Wenn es etwas gibt, das ich mir draufschaffen muss, sei es für Konzerte oder Studioproduktionen, dann nehme ich mir die entsprechende Zeit dafür. Ansonsten trommle ich immer gemeinsam mit meinen Schülern im Unterricht. Fällt einmal ein Schüler aus, nutze ich gegebenenfalls die Zeit, um selbst ein bisschen zu üben.

Wenn du zum Beispiel frühere Lehrer triffst, sprechen sie dich auf deinen Job an?

Na klar! Aber ist das nicht das ganz normale Standardthema, das ein Jeder mit ehemaligen Lehrern bespricht?

Wenn die Kinder größer sind und in deine Fußstapfen treten möchten, unterstützt du das?

Selbstverständlich! So wie ich eine große Unterstützung in meiner Kindheit und Jugend erfahren habe, meinen beruflichen Weg zu finden und zu gehen, werde ich natürlich meine Kinder auch entsprechend unterstützen. Dabei ist auch ziemlich egal, in welche Richtung sie gehen. Kinder muss man fördern und unterstützen.

Weiß dein älteres Kind eigentlich, was du beruflich machst?

Ja. Sie weiß, dass ich Schlagzeug spiele oder Dinge darum herum tue, statt, wie andere Väter, beispielsweise ins Büro zu fahren.

Hast du deine Partnerin eigentlich außerhalb des Musikzirkus kennengelernt, ist sie Fan deiner Musik?

Nein. Ich habe sie auf Tour kennengelernt. Sie war Crewmitglied einer Band, bei der ich aushalf. Wir waren ein gutes halbes Jahr gemeinsam auf Tour, bevor wir festgestellt haben, dass wir uns gegenseitig doch ganz interessant finden. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, weshalb wir ein so gutes Team sind: Sie kennt das Business, das Tourleben und den gesamten Zirkus drum herum samt allem, was dazugehört.

Du bist in Osterode zu Hause. Hast du Lieblingsplätze hier oder im Harz, wo du besonders gerne bist? Wenn ja, welche wären das?

Es gibt für mich keinen speziellen Lieblingsort. Ich spaziere gerne mit meiner Familie durch unsere Stadt, über den Kornmarkt oder fahre mit dem Rad durch das Bremketal, die umliegende Karstlandschaft oder auch an die Sösetalsperre.

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Selfie von Niklas Kahl mit Gerrit Heinemann, im Hintergrund ihre Fahrräder und eine Stadt im Harz.
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Niklas Kahl
Niklas Kahl (vorne) mit Gerrit Heinemann, Keyboarder bei Lord of the Lost, im vergangenen Sommer bei einer Radtour im Harz.

Was hältst du von der örtlichen Metal-Szene, also im Raum Südniedersachsen?

Leider ist die Szene in unserer Region in den letzten Jahren sehr geschrumpft. Vor 15, 20 Jahren gab es hier eine sehr große Szene und Vielfalt an Bands mit vielen sehr talentierten Musikern!

Gibt es hier Bands, Musiker, die du besonders spannend und empfehlenswert findest?

Es gibt einige Musiker, die es entweder bereits geschafft haben, überregional erfolgreich zu spielen, wie zum Beispiel Melanie Mau und Martin Schnella aus Osterode, oder die sehr ehrgeizig und engagiert daran arbeiten, sich bekannt zu machen, wie beispielsweise „Die Legende von Nord“ oder „Wasted Origin“ aus Einbeck!

Was fehlt gegebenenfalls der Metal- und Musikszene hier vor Ort? Mangelt es zum Beispiel an Veranstaltungsmöglichkeiten? Was läuft gut?

Absolut! Es gibt in meinen Augen viel zu wenige Konzert-Veranstaltungen für junge Menschen. Die Lokalitäten sind vorhanden, es fehlt meines Erachtens an Veranstaltenden, die bereit sind, das finanzielle Risiko einzugehen. Auch Vereine können Konzert-Veranstaltungen organisieren und ausrichten, können das sogar durch Landesmittel fördern lassen! Weshalb da allerdings derzeit niemand den Willen hat, so etwas in die Hand zu nehmen, kann ich nicht sagen...

Zurück zu Lord of the Lost. Eure Musik fällt nicht gerade durch leise Töne auf. Welche Musikrichtung hörst du gern als Ausgleich zu deinem Job?

Ich lege mich nicht auf eine bestimmte Musikrichtung fest. Ein guter Song ist ein guter Song. Da spielt die Stilistik keine vorrangige Rolle. Im Prinzip höre ich also so ziemlich alles.

Wie sind Lord of the Lost eigentlich gerade auf dich gekommen?

Die Band und ich kannten uns schon sehr lange, bevor sie mich 2017 fragten, ob ich für einige Konzerte bei ihnen aushelfen könne. Wir hatten seit 2011 immer mal wieder miteinander zu tun, durch gemeinsame Tourneen, Festivals oder Studioarbeiten.

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Niklas Kahl posiert mit gekreuzten Drumsticks und grimmiger Miene für die Kamera. Er sitzt in einem Ohrensessel in seinem Wohnzimmer.
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ralf Gießler
Seit 2011 stand Niklas Kahl mit Lord of the Lost immer wieder in Kontakt, seit 2017 spielt er für sie Schlagzeug.

Gerade erlebt ihr ja als Band einen ziemlichen Hype. Ein Termin jagt den nächsten, da bleibt nicht viel Zeit für Privates und man möchte sicher auch einmal seine Ruhe haben. Freust du dich dennoch über Fankontakt in deiner Freizeit?

Fans sind die Leute, die eine Band am Leben halten. Ohne diese Menschen geht nichts. Wenn man zu einem gewissen Grad in der Öffentlichkeit steht, gehört es auch dazu, erkannt und gegebenenfalls angesprochen zu werden. Damit habe ich auch gar kein Problem – solange es die Situation erlaubt und es ein respektvoller Umgang ist.

Oft ist zu lesen, dass Musiker Vorbilder haben, die sie beeinflussten und prägten. Hast du Vorbilder am Schlagzeug?

Ich bin ein großer Fan der finnischen Metalband Nightwish, es ist meine Lieblingsband. Im Alter von circa 13 Jahren habe ich mir sehr viele ihrer Songs angehört, nachgespielt und habe somit eine Menge des Stils ihres damaligen Schlagzeugers Jukka Nevalainnen übernommen. Hinzu kamen Einflüsse durch Simon Phillips (ehemals Toto) und Chad Smith (Red Hot Chili Peppers) – es war also damals schon ein sehr bunter Mix. Heute sehe ich mir auch gerne Trommler wie Jost Nickel (Jan Delay) oder Eric Moore (Eros Ramazotti) an. Das sind unfassbare Groove-Maschinen!

Gibt es eine Band, wo du unbedingt mal Schlagzeug spielen möchtest?

Nein. Ich würde gerne einmal etwas mit verschiedenen Musikern machen, wie Floor Jansen (Nightwish) oder Udo Lindenberg, aber das sind Träumereien, die ich jetzt nicht unbedingt aktiv verfolgen würde.

Nun wart ihr kürzlich zu Gast in der NDR-Talkshow bei Bettina Tietjen und Johannes Wimmer. Wie war das für dich?

Das war mein erstes Mal in einer Talkshow – ich hätte nicht gedacht, dass das so viel Spaß macht. Es war ein wirklich schöner Abend mit tollen Gästen. Ich bin bekennender Tatort-Gucker und somit habe ich mich natürlich zum Beispiel sehr gefreut, mit Anna Schutt, die zehn Jahre lang die Kommissarin Böhnisch im Dortmunder Tatort gespielt hat, in einer Runde zu sitzen.

Bei dem ganzen Medienrummel zur Zeit, besteht da nicht die Gefahr des „Abhebens“? Wer würde dich dann wieder auf den Boden der Tatsachen holen und „erden“?

Die Gefahr besteht mit steigendem Erfolg generell, denke ich. Ich habe allerdings das große Glück, ein ziemlich reflektierter Mensch zu sein, der sein Handeln stets hinterfragt. Mir ist klar, dass ich von niemandem Respekt erwarten kann, wenn ich meinem Gegenüber nicht auch Respekt entgegenbringe. Auch meine Unterrichte empfinde ich als einen guten Gegenpol zum Tour-Alltag und dem aktuellen Medienrummel. Auch, wenn meine Schüler aktuell aufgrund meiner zeitlichen Engpässe etwas zurückstecken müssen. Aber auch da kommen zum Glück wieder ruhigere Zeiten.

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Lord of the Lost gemeinsam mit Iron Maiden im Backstagebereich
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Benjamin Lawrenz
Niklas Kahl (Zweiter von links) mit seinen Band-Kollegen von Lord of the Lost und einigen Iron Maiden-Musikern (Fotograf: Benjamin Lawrenz)

Nun zu Iron Maiden. Im vergangenen Jahr fanden endlich die gemeinsamen Konzerte statt, die coronabedingt 2020 nicht stattfinden konnten. Ihr wurdet von Iron Maiden, DEN Heavy Metal-Ikonen für mehrere Shows gebucht, auch in diesem Jahr wieder. Wie kam es 2020 dazu, dass Iron Maiden auf euch aufmerksam wurde?

Den Stein ins Rollen brachte seinerzeit Steve Harris, Chef und Bassist der britischen Metal-Legende. Steve war auf unser damals aktuelles Album aufmerksam geworden, welches er als brillant bezeichnete. Er hatte zwei unserer Videos auf YouTube gesehen, und ihm sei klar gewesen: „Die müssen wir mitnehmen!“ Wir bekamen dann tatsächlich auf seinen Wunsch hin eine Buchungsanfrage für die Tour.

Iron Maiden ist ja seit Jahrzehnten sehr erfolgreich im Musikgeschäft. Wie war der Umgang der Band mit euch?

Das Verhältnis zwischen uns und Iron Maiden wie auch mit ihrer Crew war unfassbar gut. Sie haben uns bereits ab dem ersten Tourtag das Gefühl vermittelt, zur Familie zu gehören. So etwas hat in diesem Ausmaße noch niemand von uns auf irgendeiner anderen Tour erlebt. Wir wurden auch nicht als Supportband, sondern als Special Guests angesehen. Oft ist es im Musikgeschäft üblich, dass Vorbands an den Hauptact Geld bezahlen, um auftreten zu können. Nicht so bei Iron Maiden, wir bekamen eine Gage. Steve Harris hat sich fast alle unsere Shows angesehen und sich um uns gekümmert. Aktuell, so sagte er, seien wir seine Lieblingsband. Neben Steve hatten wir am meisten Kontakt zum Sänger und Frontmann Bruce Dickinson sowie zu Nicko McBrain, dem Drummer. Die anderen Band-Mitglieder von Iron Maiden waren etwas zurückhaltender im Kontakt, aber auch sehr nett zu uns.

Gab es noch andere Bands, die Iron Maiden im Vorprogramm unterstützten, wenn ja, wer?

Die ersten fünf Shows waren wir alleine mit Maiden unterwegs. Danach gab es meist noch eine zweite Vorband. Das waren meistens die Australier „Airbourne“, aber auch „Shinedown“ aus den USA und die holländische Band „Within Temptation“.

Wie hat sich das angefühlt mit solchen Ikonen auf Tournee zu gehen und in großen Stadien zu spielen?

Wir haben ja schon durchaus das ein oder andere größere Konzert/Festival gespielt, aber jeden Abend vor Publikum von zwischen 10.000 und 60.000 Leuten zu spielen, ist schon wirklich etwas sehr Besonderes! Krass waren natürlich die Dimensionen der Spielstätten, die es für solche Menschenmassen braucht. So haben wir beispielsweise die größte Halle in Europa gespielt, die La Defense Arena in Paris, die für bis zu 38.000 Menschen ausgelegt ist oder das Olympia Stadion in Athen. Das war wirklich jeden Tag auf’s Neue umwerfend beeindruckend.

Wie kamt ihr bei den Fans und bei Iron Maiden selbst an? Wie lange dauerte ein Auftritt von euch?

Wir spielten immer entweder 30 oder 40 Minuten. Das variierte je nach Veranstalter. Im Vorfeld haben wir uns schon Gedanken gemacht, wie gut wir mit unserer Musik und Show vor Iron Maiden passen, sind doch besonders die Heavy Metal-Fans durchaus dafür bekannt zwar sehr friedlich, jedoch nicht immer offen für alles Neue/etwas Anderes zu sein. Doch weit gefehlt. Wir haben bei jedem Konzert ein grandioses Feedback bekommen und wurden von den Maiden-Fans immer wieder sehr herzlich empfangen!

War es für euch ein Unterschied, nicht nur vor eigenen Fans zu spielen?

Natürlich! Das ist zu Beginn jeder Show ein ordentliches Stück Überzeugungsarbeit, die man zu leisten hat. Zum einen sind solche „Support-Slots“ natürlich immer wichtig, um sich einer größeren und breiteren Masse präsentieren und so im besten Falle neue Leute begeistern zu können. Zum anderen ist es dann aber auch ein unglaublich tolles Gefühl, wieder viel kleinere eigene Konzerte zu spielen, bei denen die vielleicht 800 Leute, die in den Club passen, aber definitiv gekommen sind, um unsere Show zu erleben.

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Die Band Lord of the Lost posiert auf der Bühne für die Kamera, im Hintergrund Menschenmengen im Publikum.
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Lennart Schmitt
Lord of the Lost vor dem Publikum in Bologna (Italien), Niklas Kahl ganz vorne. Das Bild enstand auf der Tour mit Iron Maiden 2022.

Macht es einen Unterschied für dich, wenn ihr im Harz / in der Region vor heimischem Publikum spielt?

Im Prinzip ist es mir egal, wo ich spielen darf. Aber es ist natürlich immer etwas Besonderes, wenn ich „zu Hause“ spielen darf und viele bekannte einheimische Gesichter sehe!

Nun geht ihr ja in diesem Jahr wieder mit Iron Maiden auf Tour. Wie fühlt sich das an mit einer Band zu touren, die es schon gab, bevor du geboren warst?

Ich habe mir auf Touren und Festivals schon Bühnen zum Beispiel mit den Scorpions oder Whitesnake geteilt. Die gab es auch schon lange bevor ich geboren wurde, aber Iron Maiden sind eine Nummer für sich. Noch nie habe ich auf einer Produktion so viel Herzlichkeit erlebt. Wir wurden ab der ersten Sekunde in ihre Tour-Familie aufgenommen. Von der Band, wie auch von ihrer Crew. Das war ein grandioses Erlebnis. Es gibt den Satz: Never meet your idols; you might be disappointed - Triff niemals Deine Idole; Du könntest enttäuscht werden. Bei Iron Maiden ist das garantiert nicht der Fall!

Ihr habt im April Konzerte in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien gespielt. Nun folgt das ESC-Finale am 13. Mai, dann die anschließende Tour mit Iron Maiden sowie Rockharz Open Air Anfang Juli und Wacken Open Air Anfang August. Von der Freude darauf ist es vergleichbar?

Das lässt sich nicht miteinander vergleichen. Ich freu(t)e mich auf alles gleichermaßen.

Im Augenblick jagt ja ein Termin den nächsten. Wenn nach Ende des ESC-Finales oder später dieses ereignisreiche Jahr vorüber ist und die mediale Daueraufmerksamkeit nachgelassen hat, hast du keine Angst dann in eine Art „Loch“ zu fallen?

Nein. Unser gesamtes (Konzert-)Jahr ist bereits durchgeplant, bis in den Dezember. Aktuell sind wir schon in der Planung für die Konzerttermine für 2024. Wenn ich zwischen den Terminen frei habe, was im Spätsommer auch tatsächlich mal ein paar Wochen am Stück sind, dann freue ich mich auf die Daueraufmerksamkeit meiner Familie :-).

Gibt es etwas Neues in Sachen ESC?

Aktuell sind wir mitten in den Vorbereitungen für das Bühnenbild und die -show, geben täglich viele Interviews, hatten Drehs für verschiedene TV Formate und organisieren jetzt die Logistik unseres Equipments nach Liverpool.

Hat der Sieg im Vorentscheid, der Hype um dich/euch irgendetwas in deinem/eurem Mindset verändert?

Keinesfalls! Wir haben immer getan, was wir wollten und abgeschlagen, was wir nicht wollten, und werden daran auch in Zukunft nichts ändern.

Was erhoffst du dir von der Teilnahme beim ESC in Liverpool? Erwartest du Positives, wenn es gut läuft und Negatives, wenn nicht?

Ich erhoffe mir gar nichts. Wer keine Erwartungen hat, wird auch nicht enttäuscht. Mit der Qualifikation für Deutschland am ESC teilzunehmen, haben bis hierher bereits etwas geschafft, was den meisten Künstlern verwehrt bleibt. Das ist großartig! Wir werden mindestens den letzten Platz machen und wenn das so kommen sollte, ist die Fallhöhe ja nicht besonders tief, wenn man sich die letzten Erfolge Deutschlands im ESC anschaut. Außerdem hätten wir gar keine Zeit, in irgendein Loch zu fallen, denn nur zwei Wochen nach dem ESC in Liverpool startet für uns die Festival-Saison. Ich freue mich einfach auf eine großartige Zeit in Liverpool mit tollen Leuten und Künstlern ­– beim ESC und allem was danach kommt!

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Die Bandmitglieder von Lord of the Lost vor rotem Hintergrund in rot-goldenen Kostümen.
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Lord of the Lost
Mit ihrem Song „Blood and Glitter“ werden Lord of the Lost am 13. Mai für Deutschland beim ESC antreten.

Deine Pläne für die Zukunft – musikalisch/beruflich gesehen: Wird es eventuell Veränderungen geben, zum Beispiel aufgrund von Zeitmangel?

Ich hoffe natürlich, dass wir auf den jüngsten Erfolgen aufbauen können und wir uns als Band und Firma weiter voranbringen. Große Veränderungen wird es nicht geben, denke ich.

Wo siehst du dich, die Band in fünf Jahren?

Hoffentlich immer noch auf den Bühnen irgendwo auf dieser Welt!

Wie kürzlich bekannt wurde, wird es eine große ESC-Party zu Gunsten der Kreismusikschule geben. Die Veranstaltung wird von der Kulturschmiede Osterode organisiert, mit dabei ist auch ein NDR-Fernsehteam. Wie findest du das?

Das finde ich super und fühle mich auch etwas geschmeichelt. Es ist zudem eine kulturelle Veranstaltung mehr in Osterode, und das finde ich enorm wichtig!

Wie kommt es, dass du mit deiner Familie noch (zum Glück) hier in Osterode wohnst oder gibt es Veränderungspläne?

Nein. Es gibt keine Veränderungspläne. Ich mag Osterode. Ich mag das Kleinstädtische, fast Dörfliche. Keine langen Wege, keine langen Zeiten. Ich erlebe das ja ständig, wenn ich in Hamburg bin. Hamburg ist eine der sehr wenigen Großstädte, die ich wirklich mag. Aber wie lange man dort für nur ein paar Kilometer von A nach B braucht ist wirklich gruselig. Nö. Ich bleib hier :-).

Eine letzte Frage, die sicher eure Fans in deiner Heimatstadt interessieren wird: Wann spielt ihr endlich einmal in Osterode, zum Beispiel bei der Open Air-Veranstaltung „Kultur im Park“ im heimischen Kurpark?

Sobald das Telefon klingelt oder die E-Mail reinkommt und am anderen Ende ein Veranstalter sitzt, der Lord of the Lost für sein Konzert haben möchte, sind wir am Start!

 

In einem etwas anderen Kontext sagte Niklas Kahl einmal: „Auf jeden Fall ist es ein einziges, sehr erfolgreiches, großes Abenteuer!“ Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen. Wir drücken Lord of the Lost die Daumen und wünschen viel Erfolg in Liverpool!

Die große ESC-Party findet am 13.05. in der Osteroder Wartbergschule, Hohe Str. 42, statt. Der Einlass ist um 20 Uhr. Für das leibliche Wohl ist bei freiem Eintritt gesorgt. Weitere Möglichkeitenb den ESC gemeinsam zu schauen bieten auch das EXIL in Göttingen und das Neu Deli in Einbeck an.

Autor:in

Ralf Gießler

Journalist und Autor des kulturis-Magazins

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Bandfoto Lord of the Lost – die Bandmitglieder tragen rot-goldene Kostüme.

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Bandfoto Lord of the Lost – die Bandmitglieder tragen rot-goldene Kostüme

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