Galerie in der Mitte der Gesellschaft

Kunstschaffende beleben Leerstand im Duderstädter Zentrum

Veröffentlichungsdatum

Das Bild der Innenstädte wird sich zunehmend verändern – darüber sind sich Stadtplaner, Gebäudebesitzer, Gewerbetreibende und Kulturschaffende einig. Nicht mehr die Einkaufsmöglichkeiten locken die Menschen in die Zentren, sondern Angebote, die online nicht zu haben sind: das persönliche Treffen, Gespräche und Austausch mit anderen Menschen, Kulinarik, Kunst- und Kulturerfahrungen im Live-Format.
Den Künstler Oskar Müller hat es mit seiner Frau Doris, die familiär im Eichsfeld verwurzelt ist, 2004 aus Berlin nach Duderstadt verschlagen. Sein Atelier liegt in einem Hinterhof in der Marktstraße 45. Dort schafft er teils großformatige Werke, meist mit humoristischer Konsum- und Sozialkritik, die er vorzugsweise auf betonierten Leinwänden effektvoll in Szene setzt. Künstlerisch hinterfragt er den „American dream“, die Weltreligionen oder den Umgang mit neuen Medien ebenso wie die Werte einer kleinstädtischen Gemeinschaft im Konsens aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

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Viel Aufsehen erregte 2014 sein „blaues Männchen“, eine Knabenskulptur, die er in einer Nacht- und Nebelaktion auf einem Totholzstamm am Duderstädter Stadtwall installierte. Am nächsten Tag begann das große Rätselraten, wer wohl dahinter stecken könnte. Auch Fernsehteams vom NDR und RTL wurden auf den Kunststreich aufmerksam und berichteten. Schließlich outete sich Oskar Müller als Erschaffer der Skulptur. Die Pose des blauen Knaben mit ausgebreiteten Armen war angelehnt an den Filmklassiker „Himmel über Berlin“: frei fühle er sich als Wahl-Eichsfelder, und emotional angekommen sei er in Duderstadt, erklärte er damals. Da die Guerilla-Kunst niemandem geschadet hatte und außerdem der Stadt überregionale positive Publicity bescherte, wurde keine Anzeige erstattet. Ein paar Monate später gesellte sich noch das gelbe Mädchen zum blauen Männchen – blau und gelb sind die Duderstädter Stadtfarben.
Schon damals hat diese Kunstaktion für viel Gesprächsstoff gesorgt. Immer wieder nutzte Oskar Müller auch weitere untypische Orte in der Innenstadt für Ausstellungen – den Lebensmittelladen, den Optiker, die Anwaltskanzlei – holte seine Bilder und Skulpturen aus dem Hinterhofatelier in den Fokus der Menschen, die beim Betrachten der Werke im Alltagsgeschehen innehielten, schmunzelten, nachdachten oder sich miteinander über Motiv, Thema und Farben unterhielten.

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurden Kunst und Menschen plötzlich unsichtbar, Gespräche im offenen Raum verstummten oder waren bestenfalls noch auf digitaler Ebene möglich. Als der Laden für Kinderbekleidung im vorderen Teil der Marktstraße 45 im Januar 2021 seine Tore schloss, und der Hauseigentümer in der anhaltenden Pandemie auch keinen neuen Pächter finden konnte, hat Oskar Müller den Leerstand zunächst als Ausstellungsfläche genutzt. „Das kam gut an, auch Gäste von Außerhalb waren erstaunt, diese Galerie hier mitten in der Altstadt zu finden“, erzählt er. Aus der kurzfristig gedachten Belebung eines Leerstandes ist inzwischen ein neues und langfristig angelegtes Konzept für eine Galerie entstanden, in der Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen können.

Bild
Erleuchtetes Schaufenster mit ausgestellten Kunstwerken von Oskar Müller und Ina Daume
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Claudia Nachtwey
Die Galerie in der Duderstädter Marktstraße befindet sich in einem ehemaligen Laden für Kinderbekleidung, der im Januar 2021 schließen musste.

Auch der Künstler selbst ist ins Gespräch gekommen, und zwar mit der Duderstädterin Ina Daume, die ebenfalls ein Faible für große Leinwände hat, sich aber thematisch eher der weltpolitischen Problematik widmet. Ina Daume stieg im Herbst 2022 mit ein in die Galerie im Herzen Duderstadts.
Die Innenräume des ehemaligen Kleidergeschäftes wurden neu gestaltet und mit einem passenden Beleuchtungskonzept in Szene gesetzt. „Eine/r von uns dreien ist zu den Öffnungszeiten immer da“, sagt Doris Müller und präsentiert auch gleich die neue Café-Theke im Hintergrund des Raumes, wo Gäste bei einem Espresso mit den Künstlern ins Gespräch kommen oder ihnen über die Schulter schauen können. Kleinere Werke und Auftragsarbeiten malt Oskar Müller nämlich direkt in der Galerie. Alle ausgestellten Arbeiten sowie individuelle Geschenkideen – hochwertiger Secondhand-Schmuck, selbst gestaltete Postkarten und mehr – stehen ebenfalls zum Verkauf.

Das erste große Gemeinschaftsprojekt der beiden Kunstschaffenden war eine Vernissage, die gleich wieder mehrere Räume in der Duderstädter Innenstadt mit Leben füllte und viele unterschiedliche Menschen zusammenbrachte. Nach dem Auftakt mit Sektempfang in der Marktstraße 45 zog die ganze Gesellschaft ins Hotel Zum Löwen auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort wurden die großformatigen und bisher noch nie öffentlich gezeigten Werke von Oskar Müller und Ina Daume präsentiert. Kommen durften alle. Hier traf die Managerin auf den Maurer, die Seniorin auf den Teenager, der Musiker auf die Veranstalterin. Es bewies sich einmal mehr: Kunst kennt kein Alter, kein Geschlecht und keinen Status. Aber sie gehört in die Mitte einer vielfältigen Gesellschaft, um lebendig zu bleiben und ihr Umfeld zu beleben.

Öffnungszeiten der Galerie in der Marktstraße 45: Mittwoch - Freitag von 11 - 13 Uhr und 15 - 18 Uhr, Samstag von 11 - 13 Uhr und nach Vereinbarung.

Kontakt: info@duderstadt-art.de, Telefon 05527 846546 oder 0170 242 961 3.
Infos: www.duderstadt-art.de

Autor:in

Claudia Nachtwey

Gründerin von Clanys Eichsfeld Blog und Autorin des kulturis-Magazins

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