Bewegte Zeiten hat das Junge Theater seit seiner Gründung vor fast 70 Jahren durchlebt. Seinen Anfang nahm seine Geschichte bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.
Nach dem Konkurs des Zimmertheaters Tangente haben Hans-Gunther Klein und Horst Wattenberg zusammen mit jungen Theatermachern das Junge Theater (JT) 1957 gegründet. Laut Festschrift zu „50 Jahre Junges Theater“ war es Ziel des damals 26-jährigen Klein „ein Gegenstück zum übermächtigen, konservativen Deutschen Theater“ zu schaffen.“
Mit Goethes „Urfaust“ als erste Premiere ging das frischgebackene Theater gleich in die Vollen. Drei Darsteller, Studierende, spielten vor mit 44 Zuschauenden ausverkauften Haus in der Weender Straße 11, dem ersten Domizil des Jungen Theaters. Nicht durchgehend positiv war die Resonanz. Das Göttinger Tageblatt fragte, ob die JT-Bühne nicht eher ein Tummelplatz für Dilettantismus sei.
Schon damals habe das JT mit einem Ensemble von insgesamt fünf Studierenden inklusive Regie und Intendanz auch politisch Stellung genommen, heißt es in der Festschrift weiter. Bertolt Brecht wurde regelmäßig inszeniert. Für Unmut sorgte „Warten auf Godot“. In der Fuldaer Zeitung wurden die Darsteller bedauert, „die ihre zweifellos starken schauspielerischen Fähigkeiten […] einem Werk leihen mussten, auf dessen ,Inhalt‘ einzugehen wir uns hier versagen müssen, weil es keinen Inhalt hat, wenn man nicht geneigt ist, geistigen Nihilismus als dramatische Form anzuerkennen.“
Als dem JT die Räume in der Weender Straße 11 in der Spielzeit 1958/1959 gekündigt wurden, begann eine Odyssee durch verschiedene Adressen vom Tanzsaal im „Frankfurter Hof“ bis zum Filmsaal des Nansenhauses. Schon damals spielte das Theater auch auswärts.
Um der bleibenden Raumnot entgegenzuwirken, fusionierte das Theater in der folgenden Spielzeit mit dem Berliner „Studiokreis 59“. Davon versprach es sich mehr Geld, um eine Bleibe anzumieten. Doch die Fusion war nicht von Dauer. Denn nach einer erfolgreichen Saison konnte das JT zum Beginn der Spielzeit 1960/1961 in der Geismar Landstraße 19 einziehen.
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Zu Beginn seiner Karriere spielte Bruno Ganz in der Spielzeit 1961/62 am Jungen Theater (das Foto zeigt ihn auf der Berlinale 2017)
Damals, in der Spielzeit 1961/62, startete Bruno Ganz am JT. Doch schon 1963 wurde er von Peter Stein engagiert und ging nach Bremen. Auch anderen Stars bot das Theater erste Auftrittsmöglichkeiten. Evelyn Hamann bekam ihr erstes Engagement 1968 am Jungen Theater. In der Spielzeit 1970/1971 führte Luc Bondy Regie bei „Narr und Nonne“ von Stanislaw I. Witkiewicz.
„Das Junge Theater folgt ganz im Sinne der französischen Avantgarde keinen Parolen“, lautet ein Statement in der Festschrift. Während Bertolt Brecht nach dem Bau der Berliner Mauer von vielen Theatern vom Spielplan genommen wurde, bekannte sich das JT ausdrücklich zu dem Autor.
In der Spielzeit 1964/65 wurde der „Verein der Freunde des Jungen Theaters“, wieder von Horst Wattenberg, ins Leben gerufen. Barbara gastierte erstmals am JT und kreierte ihren berühmten Song „Göttingen“. Auf Einladung des JT kam sie 1967 wieder, ihr Konzert wurde aus der Stadthalle im französischen Rundfunk übertragen.
Nach Beginn von Umbau und Vergrößerung des JT im Februar 1966 kaufte der „Verein der Freunde des Jungen Theaters“ Grundstück und Haus in der Geismar Landstraße 19.
Ein Spaß zu seinem zehnjährigen Bestehen: Das JT spielte die deutsche Erstaufführung von Jochen Ziems‘ „Nachrichten aus der Provinz“. Mit diesem Stück habe es sich selbst auf den Arm genommen, heißt es: Denn hier geht es um ein kleines Provinztheater, das sich zu Höherem berufen fühlt. Humor bewies die Crew noch einmal mit der Uraufführung von Charles Donovans Kriminalgroteske „Kein Sarg für Mackenzie“ ein knappes Jahr später. Der wirkliche Autor war Peter Grande. Sogar die Bildzeitung berichtete darüber: „Drei Monate lang führte Peter Grande (26) Publikum und Kritiker an der Nase herum.“
Ein neues Kindertheater, das Kinder als mündige Bürger sieht, begann mit Mark Twains „Tom Sawyer“ in der Spielzeit 1970/71. „Was heißt hier Liebe?“ vom Rote Grütze Theater (Spielzeit 79/80) wurde mit 135 Vorstellungen Kassenschlager und bis dahin erfolgreichstes Stück am JT. Ab der Spielzeit 1980/81 standen regelmäßig Stücke von F.K. Waechter auf dem Spielplan.
In der Spielzeit 1974/1975 gründeten Hans-Gunther Klein und Freunde des JT eine GmbH als Gesellschaftsform des Theaters. Doch die Lösung war nicht von Dauer: Am 30.6.2004 wurde die Gesellschaft wieder aufgelöst. Lange vorher, 1982, starb der erste Chef des Theaters, Hans-Gunter Klein nach langer, schwerer Krankheit, sein Nachfolger wurde Guido Huller. Dessen wichtiges Anliegen: das Kindertheater. Doch für die Einstellung eines Theaterpädagogen fehlte dem Jungen Theater das Geld.
Ab 1976 war das Otfried-Müller-Haus am Göttinger Wochenmarkt die Spielstätte des Jungen Theaters (hier ein Foto aus der Spielzeit 2001/02)
Im Januar 1976 bezog das JT mit dem Otfried-Müller-Haus sein zunächst endgültiges Domizil und schlug mit der Premiere von „Bravo, Girl!“ in der Inszenierung von Christoph Roethel wieder einen neuen Weg ein: Das Stück von Werner Geifrig wurde mit jungen Laiendarstellern inszeniert: kostengünstig und experimentell.
Ein besonderer Coup gelang dem Theater in der Spielzeit 1986/87: Dazu hieß es in der Wochenzeitung „Blick“: „Als erster deutschen Bühne ist dem kleinen Haus an der Hospitalstraße die Verwirklichung eines Theaterprojekts gelungen, an dem sich bislang auch die renommiertesten Häuser die Zähne ausgebissen haben: die Inszenierung von Arthur Schnitzlers szenischer Folge ,Reigen‘ mit kleiner Besetzung nach einem Konzept, das den Akteuren die Übernahme jeweils unterschiedlicher Rollen innerhalb des Stückes abverlangt. Ähnliche Ansätze zu derartigen Konzepten hatten die Erben des Autors bislang allen Bühnen strikt untersagt, auch das Deutsche Theater hatte sich bei Schnitzlers Nachlassverwaltern einen Korb geholt.“
Auch damit habe das Junge Theater bewiesen, dass es sich in 30 Jahren „von einer kleinen Studentenbühne zu einem bekannten und anerkannten modernen und frischen, wegweisenden und soliden, experimentellen und zeitfühlenden Theater entwickelt“ hatte. Das Ensemble bestand längst nicht mehr aus Studierenden der Stadt, „sondern aus hoch motivierten Abgängern staatlicher Schauspielschulen und gestandenen Schauspielern“, wird in der Festschrift die Aufwärts-Entwicklung beschrieben.
In der Spielzeit 89/90 übernahm Otto Schnelling die Intendanz, um das Theater von Altlasten von mehr als 100.000 DM zu befreien. Schon 1993 wurde Schnelling von Klaus Berg abgelöst. Berg hatte vorher die freie Theatergruppe „Chaotica“ geleitet und wollte das JT mehr in der Stadt verankern und dafür auch Laien beteiligen. Außerdem richtete er wieder ein Kinder- und Jugendtheater ein und nahm Stücke vieler junger Autoren in den Spielplan. Doch seine Experimentierfreudigkeit überforderte das Göttinger Publikum, laut Festschrift bot er „fast schon zu viel Unterhaltung“. Ein Spektakel für die Stadt wurde das Commedia dell’arte-Stück „Pantalones“ mit 46 Darstellern als Zug von der Nikolaikirche zum JT. Eine ungewöhnliche Premiere unter Bergs Leitung war Friedrich Dürrenmatts „Minotaurus“. Der 2025 verstorbene Butoh-Tänzer Tadashi Endo setzte die Handlung mit Tanztheater um.
Bergs Nachfolger Rolf Johannsmeier gelang, woran andere vorher gescheitert waren: die Einrichtung einer theaterpädagogischen Stelle. Doch er blieb nur zwei Spielzeiten. Im Göttinger Tageblatt wurde über eine Fusion von JT und DT spekuliert: „Dass aber auch niemand ernsthaft über einen Johannsmeier-Nachfolger nachdenkt, gibt zu denken und wirft Fragen auf. Will man JT und DT unter einem ,Generalintendanten‘ führen?“
Doch für die Spielzeit 1998/99 übernahm Werner Feig die künstlerische Leitung. Plan war es, das Haus mit einem Theaterrat zu führen – aus neun gewählten Mitgliedern von insgesamt 30 Mitarbeitern. Doch Feig wurde schleichend Intendant und verschrieb den Spielplan der aufstrebenden Popkultur. Er holte angesagte Regisseure und sorgte für viele Uraufführungen junger Popautoren. Das brachte zwar überregionale Presse, strapazierte aber den JT‑Geldbeutel. Als der Vorsitzende des Fördervereins, Horst Wattenberg, die Reißleine zog, kündigte Feig und ging nach Hannover. Das Theater habe er in der tiefsten finanziellen Krise seit der Gründung hinterlassen, heißt es in der bereits genannten Festschrift.
Ab der Spielzeit 2014/15 übernahm Nico Dietrich die Leitung der künstlerischen Geschicke des Hauses und blieb bis zum Sommer dieses Jahres.
Ein großer Erfolg für das Junge Theater: In der Spielzeit 1999/2000 wurde es im Magazin „Theater heute“ zum Theater des Jahres nominiert. Und in der Spielzeit 2000/01 bewies sich das JT laut der Schrift zum Jubiläum als Zentrum der deutschen Popkultur.
Und doch war für den Intendanten Thorsten Schilling ab 2001 ein „Neustart“ unumgänglich. Denn Werner Feig hatte dem JT mit seiner Konzentration auf überregionale Wirkung einen Schuldenberg hinterlassen. Ende 2003 war die finanzielle Notlage nicht mehr zu übersehen. Weil Belege von Abrechnungen fehlten, flossen keine Landeszuschüsse. Am 16.12.2003 musste das Theater Insolvenz anmelden. Aus der Politik folgten Forderungen, das unwirtschaftlich wirtschaftende Haus zu schließen.
Zwei Vorschläge kamen zur Rettung des Theaters. Schilling meinte, es könne als Gastspielhaus ohne festes Ensemble überleben. Andreas Döring, der die Intendanz nach Schilings Rücktritt zum Ende der Spielzeit 2003/2004 übernahm, glaubte an ein festes Ensemble. Dabei galt es, das Haus wirtschaftlicher zu führen. Mit seiner Inszenierung „Rio Reiser – Der Kampf ums Paradies“ gelang Döring die erfolgreichste Produktion seit Jahren. Und eine Neuheit: „Die Kuh Rosemarie“ nach der Bühnenfassung von Andri Beyeler konnten Schulen und Kindergärten in der Spielzeit 2004/05 zum ersten Mal für eine Aufführung in deren eigenen Räumen buchen. Die Bilanz der Spielzeit fiel positiv aus, das JT hatte die höchsten Besucherzahlen seit zehn Jahren.
Mit einem Missverständnis ging es in die nächste Spielzeit. Das von der Fußballweltmeisterschaft inspirierte Motto „Heimatfront“ kam an im rechten Lager. Dennoch: Zu seinem 50-jährigen Bestehen konnte das JT die höchsten Zuschauerzahlen seit 20 Jahren verbuchen.
In der Intendanz von Andreas Döring brachte ein Betrugsfall das JT zum Wanken: Im Juli 2010 musste es wieder Insolvenz anmelden. Laut der Berichterstattung in der HNA sah es so aus, als ob dem Theater die aus dem Erfolg erwirtschafteten Rücklagen gestohlen worden seien, es war die Rede von einem Schaden in der Höhe von rund 300.000 Euro. Die gesammelte Mannschaft im JT begann, um die Erhaltung des Hauses zu kämpfen, und stellte sich hinter ihren Intendanten. Da nun eine Fusion von Deutschem Theater mit dem JT wieder in den Vordergrund rückte, sprach Döring sich entschieden gegen das JT als „Sparte“ des Deutschen Theaters und für seine künstlerische Eigenständigkeit aus.
Nach Dörings Ausscheiden in Richtung Celle ging das Zepter an Eva-Maria Baumeister und Udo Eidinger aus dem JT‑Ensemble und sein Leitungsteam. Ab der Spielzeit 2014/15 übernahm Nico Dietrich die Leitung der künstlerischen Geschicke des Hauses und blieb bis zum Sommer dieses Jahres. Seine Zeit war überschattet vom Auszug aus dem Otfried-Müller-Haus und Corona.
Angelika Zacek ist die erste Intendantin Göttingens und leitet das Junge Theater ab der Spielzeit 2026/27. Das Foto zeigt sie bei ihrer Rede am Jungen Theater beim Abschiedsfest für Nico Dietrich.
Mit dem Umzug in die ehemalige Voigt-Realschule an der Bürgerstraße gingen dem JT wegen der geringeren Größe des Theatersaals 20.000 Zuschauer vor Ort verloren. Doch die Zahlen konnten über die Vorstellungen für Kinder und Jugendliche wieder beträchtlich gesteigert werden. Außerdem unternimmt das Theater viele Fahrten in die Region und Kooperationen mit der Stadthalle Osterode, die rund 800 Menschen fasst, sowie das Corvinianum in Northeim. Und immerhin, nach langem Warten steht der Rückumzug ins Otfried-Müller-Haus derzeit für Frühjahr 2028 auf dem Plan.
Dietrich schilderte, dass der Kostendruck in den vergangenen Jahren gestiegen sei. Aber mit Erfolgsstücken wie den Känguru-Chroniken sei das JT wirtschaftlicher geworden, die Kostensteigerung habe kompensiert werden können. Von zuletzt nur noch einem Licht- und Tontechniker und einem Dramaturgen, beschäftigt das Junge Theater mittlerweile wieder drei Licht- und Tontechniker, vier Bühnentechniker, zwei Dramaturgen und zwei Theaterpädagogen.
Das JT habe sich immer wieder neu erfunden und den Landkreis erobert. Von den 45.000 Gästen im Jahr seien rund die Hälfte Kinder und Jugendliche, Schulstücke und Familienstücke, so Dietrich. Nach der Sommerpause ist das Junge Theater schon mit Stücken aus der vergangenen Spielzeit wie „Achtsam morden durch bewusste Ernährung“ oder „Pippi Langstrumpf“ an den Start gegangen.
„Über 20% der Einnahmen holen wir selbst rein“, sagte Dietrich, Intendant bis zur vergangenen Spielzeit, nicht ohne Stolz auf diese außergewöhnliche Leistung. Bei anderen Häusern seien es nur 5 bis 7 %. Über das Theater, das in früheren Jahren wiederholt ums Überleben kämpfen musste, konnte Dietrich vor seinem Abschied sagen: „Wir sind eine der wirtschaftlichsten Kultureinrichtungen in Südniedersachsen.“
Wo es hingehen soll in dem „Diamant im Ring des Stadtwalls“ muss die Crew im Jungen Theater nun mit der neuen Frau an der Spitze, Angelika Zacek, wieder neu erfinden. Zaceks erste Inszenierung am Jungen Theater, „Doktormutter Faust“ von Fatma Aydemir, feiert am 10. September in der Bürgerstraße Premiere.
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