Offene Türen in der Liebfrauenkirche

Schwester Ingeborg Wirz im Gespräch über die Duderstädter Klosterkonzerte

Veröffentlichungsdatum

Bei Freunden der klassischen Musik haben sich die Duderstädter Klosterkonzerte längst einen Namen gemacht. Internationale Ensembles mit hochkarätigen Musiker*innen sind jeden letzten Freitag im Monat zu Gast in der Liebfrauenkirche der Ursulinen. Initiatorin ist die Ordensfrau Sr. Ingeborg Wirz.

Es gibt sicherlich größere Kirchen. Das Hauptschiff der Liebfrauenkirche ist nur knappe 30 m lang und 10 m breit. Dennoch verfügt der Rotsandstein-Quaderbau, errichtet 1889 im neoromanischen Stil, über eine außergewöhnliche Akustik. Zu schade, wenn diese kaum noch zur Geltung käme, da nur noch wenige Nonnen hier ihre Stimmen erheben, dachte sich Sr. Ingeborg. Sie sagte sofort zu, als 2005 die Internationale Händel Festspiele Göttingen GmbH ihr Kulturangebot auch außerhalb Göttingens erweitern wollte und die Liebfrauenkirche als Konzertraum in Erwägung zog. „Man hatte über meine Kontakte in Hannover auch in Göttingen erfahren, dass mein Herz sehr für die Musik schlägt, und ich bei diesem Angebot kooperieren würde“, erklärt die Ordensfrau schmunzelnd.

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2002 ist Sr. Ingeborg Wirz zur Oberin des Ursulinenklosters in Duderstadt gewählt worden. Die Naturwissenschaftlerin (Mathematik- und Chemie-Studium fürs Höhere Lehramt) hatte zuvor das St.-Ursula-Gymnasium in Hannover geleitet, war aber schon seit ihrer Kindheit auch der Musik sehr verbunden. „Meine ganze Familie musizierte, mein Vater und meine Schwester spielten Klavier, mein Bruder Cello und ich Querflöte“, erzählt sie. Auch anspruchsvolle Stücke wie „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn wurden in der Familie einstudiert. Später als Schulleiterin hatte sie zusammen mit Schülerinnen und Schülern eine Band gegründet, in der sie selbst mitspielte und in Schulmessen auftrat.

Nach dem Erfolg des ersten Klosterkonzertes in Duderstadt im Rahmen der Händel-Festspiele im Mai 2005 – das Ensemble „Musica Tropeia“ präsentierte u.a. die Händel Sonaten und erhielt lobende Kritiken – wurde das Programm in den folgenden Jahren immer kompakter. 2007 wurde der Innenraum der Liebfrauenkirche neu gestaltet und nun auch als Veranstaltungsort bei den Niedersächsischen Musiktagen mit aufgenommen. 2008 wurde die Orgel erneuert, worauf das erste Orgelkonzert folgte. 2009 kamen dann verschiedene geistliche Konzerte dazu – im Jahresverlauf schon fünf Aufführungen.

Da das Kloster über mehrere Seminarräume und einen Gästebereich mit Unterkünften verfügt, bot sich dieses Umfeld für musikalische Weiterbildung an. Der erste Cello-Meisterkurs fand hier 2013 statt, der dann auch mit öffentlichen Konzerten in Duderstadt seinen Höhepunkt erreichte.

„Unser barocker Fachwerkbau von 1700 lässt wenig Klang nach draußen, sodass hier geprobt werden kann, ohne die Nachbarschaft zu stören“, erklärt Sr. Ingeborg. Nachdem 2014 das europäische Förderprojekt für Nachwuchsensembles „EEEMERGING – Emerging European Ensembles“ startete, wo die Internationale Händel Festspiele Göttingen GmbH Kooperationspartner ist, fanden in den folgenden Jahren immer wieder die EEEMERGING-Workshops im Ursulinenkloster statt. Die jungen internationalen Musiker*innen präsentierten ihre Ergebnisse zum Abschluss ebenfalls in der Liebfrauenkirche.

Heute wird es von Veranstaltern und vom Publikum zunehmend geschätzt und unterstützt, wenn ein hochwertiges Kulturangebot nicht nur in den großen Metropolen stattfindet, sondern auch die Menschen im ländlichen Raum erreicht. Diese Entwicklungen nahm Sr. Ingeborg zum Anlass, die gute Akustik in der Liebfrauenkirche öfter zu nutzen. „Aus meiner Zeit in Hannover hatte ich noch Kontakte zu einigen Musikern, und ich bot ihnen Auftritte in der Klosterkirche an“, erzählt die Ordensfrau. Schon bald hatte sich in der Musikerszene die Duderstädter Liebfrauenkirche als besonderer Auftrittsort herumgesprochen, und die Künstler*innen meldeten sich selbst mit einer Anfrage zu Auftritten. „Viele von ihnen kommen wieder, nachdem sie einmal diese besondere Atmosphäre und Akustik kennengelernt haben – selbstverständlich immer mit einem neuen Programm. Das ist eine gute Reklame für Duderstadt“, sagt Sr. Ingeborg.

Ein Problem seien zunächst allerdings die Honorare gewesen, da das Kloster, das 2015 in eine Stiftung umgewandelt wurde, keine Einnahmen über Konzertveranstaltungen erwirtschaften durfte. Die Konzerte waren (und sind bis heute) für die Besucher kostenfrei, die Honorare für die Künstler mussten über Spenden zusammenkommen. Außerdem trug der Verein zur Förderung des Ursulinen Klosters, der schon 1995 gegründet wurde, dazu bei, die Honorare für die Künstler zu finanzieren. Über den Verein entstand auch die Idee, die Klosterkonzerte jeden Monat an einem bestimmten Tag stattfinden zu lassen, damit sich die Musikfreunde auf Kontinuität einstellen konnten.

Ab 2017 werden die Klosterkonzerte an jedem letzten Freitag im Monat angeboten. „Seitdem tragen sich die Veranstaltungen selbst. Wenn wir mehr als das vereinbarte Honorar eingenommen haben, erhalten die Künstler den Überschuss zusätzlich zur Gage“, erklärt die Initiatorin.
Zwar gab es 2020 und 2021 eine pandemiebedingte Pause, aber Sr. Ingeborg nahm den Faden 2022 wieder auf. „Die Konzertbesucher waren dankbar, als es im Februar wieder losging. Es kommen inzwischen Leute aus der ganzen Umgebung, auch aus Göttingen“, freut sie sich über den Zuspruch. In all den Jahren hat die Ordensschwester selbst kein einziges Klosterkonzert verpasst.

Das Duderstädter Ursulinenkloster wurde im Jahr 1700 als Konvent für junge Mädchen gegründet. In diesem Zug wurde die Marienkapelle von 1424 zu einem größeren Gotteshaus ausgebaut. 1889 ließ der gebürtige Duderstädter Kardinal Georg Kopp die alte Kirche abreißen und durch die heutige Liebfrauenkirche ersetzen.

Ein virtueller 360° Rundgang ermöglicht einen Einblick in die Räumlichkeiten des Klosters, kann aber natürlich keinen Eindruck der Akkustik verschaffen. Hierzu bietet sich aber beispielsweise am 30. Dezember 2022 das nächste Mal eine Gelegenheit.

Autor:in

Claudia Nachtwey

Gründerin von Clanys Eichsfeld Blog und Autorin des kulturis-Magazins

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Im Artikel genannt

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Klosterkonzert in der Duderstädter Liebfrauenkirche

Inzwischen schon zur Tradition geworden sind die Klosterkonzerte jeweils am letzten Freitag eines Monats um 18:30 Uhr in der Liebfrauenkirche. Zeitnah werden Sie über alle Konzerte durch die regionale Presse, Plakate und unsere Homepage ursulinen-duderstadt.de informiert. Eintritt frei, Spenden...