Neuhaus im Solling erwacht zu neuer kultureller Blüte

Wie Kunst und Kultur das „neue Land“ beleben kann und wird!

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Dr. Jean Goldenbaum ist Komponist und Musikwissenschaftler, lebt seit März 2021 in Neuhaus und ist einer der Initiatoren des Neuhäuser Musikfestivals. Er leitet auch einen Chor in diesem Dorf sowie ein Gitarrenensemble in Holzminden, neben vielen anderen kulturellen Projekten im In- und Ausland. Zuvor lebte und arbeitete Jean Goldenbaum jahrelang auf unterschiedlichen Kontinenten und in diversen Großstädten, bevor er nach Südniedersachsen zog. Für das kulturis-Magazin hat er berichtet, welches Potentials und welche Energie er verspürte, als er in die Region zog und warum er fest daran glaubt, dass Kultur seine neue Heimat Neuhaus im Solling zu neuer Blüte verhelfen wird.

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Bürgermeister Christian Belke und Dr. Jean Goldenbaum vor einer Bühne
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Daniel Graf

Bürgermeister Christian Belke und Dr. Jean Goldenbaum am Tag des Neuhäuser Musikfestivals

Von der Spitze des 33 Meter hohen Hochsollingturms, der dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert, kann man optisch die ganze Region genießen, die diesem schönen Holzbau seinen Namen gibt. Hochsolling liegt im Herzen des Solling und liegt über 400 Meter über dem Meeresspiegel. Neuhaus und Silberborn, die beiden zu Holzminden gehörenden Dörfer dieser Region, sind mit rund zweitausend Einwohnern der perfekte Ort für Naturliebhaber. Die ausgedehnten Buchen- und Fichtenwälder und die Fauna, die im Wildpark Neuhaus konzentriert zu finden sind, sind zweifellos attraktiv für Bewohner und Besucher dieses Ortes.

Insbesondere Neuhaus im Solling entwickelte sich in den 1960er Jahren zu einem der begehrtesten naturtouristischen Orte in Deutschland, vor allem unter West-Berlinern. Neuhaus wurde als Heilklimatischer Kurort anerkannt und es entstanden zahlreiche Hotels und Pensionen für jeden Geschmack und folglich war die kulturelle und künstlerische Szene sehr lebendig und pulsierend.

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Aber die Zeiten ändern sich. Der Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung, die gesellschaftliche Umstrukturierung Deutschlands wirkten sich auch auf die Region Hochsolling aus. Nach der Wiedervereinigung verhinderten die vielfälltigen (neuen) Möglichkeiten für Touristen die Weiterentwicklung der touristischen Dynamik in Neuhaus, so dass ab 1990 mit dem Abbau der Strukturen für solche Aktivitäten begonnen wurde. 2010 verlor das Dorf mit einem letzten Schlag den Kurortstatus. So verstummte auch das kulturelle und künstlerische Leben.



Aber die Geschichte lehrt uns, dass alles im Leben zyklisch ist. Wenn Neuhaus zwischen 1960 und 1990 immer auf dem Vormarsch und zwischen 1990 und 2020 im Niedergang war, war mit einer neuen belebenden Welle zu rechnen. Und tatsächlich scheint diese Welle angekommen zu sein.



Der Beginn des dritten Jahrzehntes des Jahrtausends brachte Neuhaus sofort Neuigkeiten. Zunächst ist festzustellen, dass in den letzten drei Jahren mehrere leer stehende Häuser gekauft und neu bewohnt wurden. Und nicht nur das, sie wurden von jungen Menschen erworben, mal mit Familie und Kindern, mal mit dem Plan, in der Region ein Familienleben zu beginnen. Ich selbst bin Teil dieser neuen Welle, nachdem ich 2020 mein Haus in Neuhaus gekauft habe.

Was treibt den kunst- und kulturhungrigen Nachwuchs nach Hochsolling?

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Festivalbühne mit feiernden Menschen bei Nach
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Dr. Jean Goldenbaum

Das Neuhäuser Musikfestival zog mit seinem vielfälltigen Angebot rund 1000 Menschen an.

Das Aufkommen kultureller und künstlerischer Ereignisse hängt sicherlich von Menschen ab, die sie idealisieren und verwirklichen. Und tatsächlich ist die neue kulturelle und künstlerische Flut der Region eng mit diesem neuen Immobiliengeschäft verbunden.



Wir können noch etwas tiefer in das Thema einsteigen. Was treibt den kunst- und kulturhungrigen Nachwuchs nach Hochsolling? Nun, zeitgenössische Umstände sind Faktoren, die dieses Phänomen erklären.



Zum einen wurde die Unfähigkeit der letzten deutschen Regierungen bei der Kontrolle der Wohnungsmietpreise in den Großstädten deutlich. „Hohe Mieten für kleine Wohnungen“ sind in den meisten Großstädten des Landes zur Norm geworden. So verlassen viele Menschen die Städte im Austausch für ein neues Leben mit großem Wohlbefinden und Qualität, leben in ihren eigenen Immobilien oder zahlen Mieten zu viel günstigeren Preisen.



Neben dieser Motivation ist auch ein weiteres wichtiges Ereignis unserer Zeit entscheidend geworden: die COVID-19-Pandemie. Dadurch versuchten nicht nur viele Menschen, die oft chaotische und überfüllte urbane Szene zu verlassen, sondern auch die Vorstellung vom Universum der Arbeit änderte sich. Mit dem technologischen Fortschritt wurde es für alle mehr als offensichtlich, dass es heutzutage in den meisten Berufen möglich ist, ausschließlich oder größtenteils von zu Hause aus zu arbeiten. Das bekannte Homeoffice. Das macht es nicht nur möglich, dass sich die Menschen nicht zusammendrängen, sondern hat auch einen Gewinn in Sachen Umweltschutz: Weniger Autos, weniger Sprit, weniger Strom in Büros usw.



Und so begrüßte Hochsolling eine neue Generation mit neuen Ideen und einer neuen Bereitschaft und einem neuen Potenzial, Dinge umzusetzen.

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Teichwiese in Neuhaus
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Dr. Jean Goldenbaum

Die Teichwiese in Neuhaus – Veranstaltungsort des Neuhäuser Musikfestivals

Am 10. September 2022 durften wir in Neuhaus am Pavillon an der Teichwiese ein erstes Großevent veranstalten: das ‚1. Neuhäuser Musikfestival‘. Ich haben diese Veranstaltung seit Beginn meines Lebens in diesem Dorf idealisiert und das Ergebnis hätte nicht besser sein können. Rund tausend Menschen nahmen – bei schlechtem Wetter! – an der Veranstaltung teil, die drei musikalische Attraktionen in verschiedenen Musikrichtungen bot. Den ganzen Tag über hatten die Menschen Zugang zu großartiger Live-Musik und gutem Essen in einer wunderschönen natürlichen Umgebung im Herzen der Wälder des Solling. Gerade in diesen schweren Zeiten des Krieges und der Ungewissheit war es wunderbar zu sehen, wie die Menschen tanzen und Spaß hatten und gemeinsam das Leben feierten.



Dieses erste „Experiment“ beweist, weil es so erfolgreich war, dass die neue kulturelle und künstlerische Welle in Neuhaus von Dauer ist. Es gibt ein Publikum, das nach Neuheiten hungert, und nicht nur Hochsollinger kommen in die Region, wenn etwas Wertvolles geboten wird.

Nach diesem Festival besteht die Fortsetzung unserer Ambitionen in der Gründung eines Kunst- und Kulturvereins in Neuhaus. Auf diese Weise hoffen wir, Veranstaltungen und Initiativen unterschiedlicher Dimensionen und mit hoher Frequenz durchführen zu können, nachdem wir verstanden haben, dass es ein Publikum für und eine Nachfrage nach Musikkonzerten, Gemälde- und Fotoausstellungen, Literaturgruppen usw. gibt.



Wir hoffen auch, dass diese Fortsetzung des Kunst- und Kulturneuzuzugs in Hochsolling die lokale Wirtschaft beleben wird. Von dieser Bewegung soll die gesamte Dorfgemeinschaft profitieren.



Nach Jahrhunderten der Stadtentwicklung scheint der Raum der Stadt gewissermaßen gesättigt. Es ist Zeit für das Land – „das neue Land“ –, die Jugend, die Kreativität, die Kunst und die Kultur willkommen zu heißen, die jeden Ort zu einem lebendigen und dynamischen Ort machen.

Möge Neuhaus im Solling eine schöne Zukunft vor sich haben und möge Kunst und Kultur, vereint mit der Schönheit seiner Wälder, eine Brücke sein für alte und neue Generationen voller Vielfalt, Toleranz, Freiheit und Liebe.

Verfasser:in

Jean Goldenbaum

Musiker, Komponist, Musikwissenschaftler und Autor des kulturis-Magazins

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