Nach dem Untergang des Nazi-Regimes galt es in Hann. Münden und wie überall in Deutschland eine neue demokratische und rechtsstaatliche Struktur aufzubauen. Dazu gehörte auch ein reichhaltiges Kulturleben, das sich damals ebenfalls neu organisieren musste. Es waren unsichere Zeiten, so wie heute, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen.
Deshalb bekam die heutige Vorsitzende des Kulturrings, Brunhilde Ulbricht, für ihren letzten Satz anlässlich des „runden Geburtstags“ auch ganz besonders viel Beifall: „In Zeiten der politischen Unsicherheit, in der alles auf den Kopf gestellt wird, der Unwegsamkeiten, der Lügenhaftigkeiten, des Wertverlusts ist die Kultur vielleicht die schönste Art, der Demokratie den Rücken zu stärken.“
Und das praktiziert der Mündener Kulturring seit acht Jahrzehnten höchst erfolgreich, abzulesen an nahezu 600 Mitgliedern, einem riesengroßen ehrenamtlichen Engagement sowie zahlreichen Veranstaltungen und Angeboten für Jung und Alt – quer durch die Kultursparten. Eine Seltenheit in dieser Breite.
Das soll auch in Zukunft so sein. Der Kulturring mit seinen ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern versteht sich als Kulturvermittler sowie Kulturanbieter und bereichert mit seinem vielfältigen Angebot das kulturelle Leben und die Attraktivität unserer Stadt. „Kultur ist kein entbehrlicher Zierrat, um mit Richard von Weizsäcker zu sprechen. Dazu bedarf es Menschen, die kulturinteressiert und bereit sind, dafür Zeit und Arbeit zu investieren“, sagt Brunhilde Ulbricht.
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Das Göttinger Symphonieorchester mit seinem Dirigenten Nicolas Milton beim Auftritt 2024 in der Mündener St. Blasius-Kirche.
Hann. Mündens Bürgermeister Tobias Dannenberg weiß um diesen besonderen Schatz in seiner Stadt. „Der Kulturring hat von Anfang an gezeigt, wie wichtig Kunst und Kultur für Hoffnung, Orientierung und Gemeinschaft sind. Er eröffnet immer wieder neue Perspektiven. Dieses kontinuierliche Engagement trägt wesentlich dazu bei, dass unsere Stadt ein lebendiger Ort des kulturellen Austauschs bleibt. Mein besonderer Dank gilt allen, die sich über Jahrzehnte ehrenamtlich für den Verein eingesetzt haben.“
Publikumsmagneten sind die Musik- und Kabarettveranstaltungen. Sie finden in der Regel einmal im Monat im Rittersaal des Welfenschlosses statt. Zu ganz großen Events wie beispielsweise Konzerten mit dem Göttinger Symphonieorchester (GSO) weicht der Kulturring auch schon mal in die St. Blasius-Kirche aus. So gastiert das GSO unter ihrem famosen Dirigenten Nicholas Milton in diesem Jahr mit Filmmusiken unter dem verheißungsvollen Titel „A Night at the Oscars“ - eine Nacht bei den Oscars.
Im Sommer gibt es dann jeweils vier ganz besondere „Leckerbissen“ in der 1000 Jahre alten Bursfelder Klosterkirche mit ihrer einmaligen Akustik und Atmosphäre. Diese Konzerte feiern 2026 ihr 55jähriges Bestehen!
Die Mischung macht’s
„Die Programmgestaltung muss abwechslungs- und facettenreich sein, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Klassische Konzerte, Konzertlesungen, Musikkabarett, Politisches Kabarett, Comedy, Musik der verschiedensten Genres; diese Mischung hat sich bewährt, was sich auch in steigenden Besucherzahlen widerspiegelt“, nennt die Vorsitzende des Credo des Kulturrings.
Das Ganze muss auch finanziert werden. In Zeiten knapper Kassen wird dies für die Mündener allerdings immer schwieriger. „Die Eintrittsgelder reichen zur Deckung der Kosten bei Weitem nicht aus“, sagt die Vorsitzende. „Fördergelder erhalten wir von der Stadt Hann. Münden, dem Landkreis Göttingen sowie dem Landschaftsverband Südniedersachsen. Die sehr moderaten Mitgliedsbeiträge tragen ebenfalls zur Deckung der Kosten bei.“
Ein großer Faktor sind zudem zwei besondere Unterstützer. „Mit der Sparkasse Göttingen und den Versorgungsbetrieben Hann. Münden (VHM) haben wir für bestimmte Veranstaltungen Sponsoren gewonnen. Noch ist unsere Finanzlage relativ stabil, aber die immens steigenden Kosten bei Gagen, Hotelkosten, erhöhte Technikanforderungen der Künstler und die allgemeine Wirtschaftslage lassen uns nicht unbedingt an eine gesicherte Zukunft glauben. Das betrifft wohl den gesamten Kulturbereich!“
Doch der Mündener Kulturring schaut trotzdem nach vorne und ist gerade dabei, Weichen für die Zukunft zu stellen. „Wir werden uns darum bemühen, in den kommenden Jahren gezielt für die Vorstandsarbeit zu werben. Das funktioniert wahrscheinlich am besten, indem wir direkt bestimmte Personen ansprechen“, kündigt Brunhilde Ulbricht an. „Im Rahmen des 80-jährigen Jubiläums werden wir im Sommer diesbezüglich öffentlich auf dem Kirchplatz mit einem Stand und einer Aktion mit junge Tänzerinnen die Werbetrommel für den Mündener Kulturring rühren.“
Umjubelter A-Capella-Auftritt des Leipziger Ensembles Sjaella in der Klosterkirche Bursfelde.
Darüber hinaus gibt es weitere Initiativen und Standbeine: „Um junges Publikum anzuziehen, engagieren wir vermehrt junge KünstlerInnen, die mit ihrem Repertoire auch die Jüngeren ansprechen sollten! Des Weiteren sind wir inzwischen in den sozialen Medien auf Instagram und Facebook vertreten.“
Ein Hit für das junge Publikum ist das Lesenetzwerk in Kooperation mit der Stadtbücherei Hann. Münden. So besuchten die Vorleseaktionen und den bundesweiten Vorlesetag im vergangenen Jahr über 300 Kinder. Für Ältere gibt es die beliebten Erzählcafés. Abgerundet wird das Programm mit Fahrten zu Kunstausstellungen und in diesem Jahr zur Premiere des Musicals „Der Schimmelreiter“ in Fulda – eine Weltpremiere.
Bei Veranstaltungen kooperiert der Kulturring auch mit anderen Anbietern, so beispielsweise mit der evangelischen Kirche und den Händel-Festspielen in Göttingen. Dessen früherer Intendant Tobias Wolff, der heute als Intendant der Oper Leipzig tätig ist, würdigte den Kulturring in seiner Laudatio zum „80-Jährigen“ humoristisch in Anlehnung an den Weserstein am Zusammenfluss von Werra und Fulda: „Wo Herz und Tun sich küssen, sie ihren Namen büßen müssen. Und so entsteht – Simsalabim, am Weserfluss der Kulturring.“
Die Angebote des Mündener Kulturrings sind in den vergangenen Jahrzehnten zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Stadtgesellschaft geworden. Sie dienen nicht nur der Unterhaltung, dem Genuss und der Reflexion, sondern auch als Treffpunkt und Ort des Dialogs in ganz unterschiedlicher Weise. Höhepunkte sind beispielsweise immer wieder die Auftritte renommierter Kabarettbühnen. In diesem Jahr kommt die Leipziger Pfeffermühle mit ihrem Programm „Harakiri to go“ (28.12. 19 Uhr, Rittersaal des Welfenschlosses). Es dürfte ein Jahresausklang nach Maß werden, extra scharf.
Wenn die Leipziger Pfeffermühle in den Rittersaal des Welfenschlosses in Hann. Münden kommt, ist ein volles Haus garantiert.
Veranstaltungen des Kulturrings sind ein Markenzeichen für Hann. Münden geworden. Für die Vorsitzende war 2018 ein „einmaliges, besonderes Erlebnis“. Damals stand die Open-Air-Veranstaltung „Die versunkene Stadt“ in Kooperation und unter der Regie des „Theaters der Nacht“ aus Northeim auf dem Programm. „800 bis 1000 Besucher haben dieses Event begleitet. Viele Mündener Vereine wirkten bei diesem Spektakel mit. Die Resonanz der Bevölkerung: einfach fantastisch“, erinnert sich die Vorsitzende.
Ein weiteres Highlight war für die Vorsitzende 2021 die Konzertlesung „Suzanne von Borsody liest Frida Kahlo“ mit dem Musikensemble AZUL. Eine großartige Schauspielerin lässt eine außergewöhnliche Malerin zu Wort kommen. „Ansonsten sind fast alle Veranstaltungen ein Genuss für mich.“
Brunhilde Ulbricht führt den Mündener Kulturring seit fast zehn Jahren zusammen mit, wie sie ausdrücklich betont, „einem sehr guten Vorstandsteam“. Ihm gehören an: Bärbel Brockhoff (stellvertretende Vorsitzende), Hans-Christoph Werner (seit 1993 Geschäftsführer), Birgit Cohrs (Schatzmeisterin), Wilma Schmitt (seit 1987 Theatersparte, heute Lesungen), Heinrich Bunzendahl (Musik, Bursfelder Sommerkonzerte), Christa Tischmeier (Lesentzwerk) und Elfie Berg (Bildende Kunst, Ausstellungsfahrten).
Der Vorstand des Mündener Kulturrings mit (von links) Elfie Berg, Bärbel Brockhoff, Brunhilde Ulbricht, Wilma Schmitt, Christa tischmeier, Hans-Christoph Werner und Birgit Cohrs. Es fehlt Heinrich Bunzendahl.
Fokus
Im Artikel genannt
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Mündener Kulturring e. V.
Musik - Comedy - Kleinkunst - Lesungen - Kabarett - Konzerte
Welfenschloss Hann. Münden
Rittersaal, Städtisches Museum, Stadtarchiv, Stadtbücherei und Amtsgericht
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