Die Malerin Bettina Scholz und der Maler Jochen Plogsties, beide völlig unabhängig voneinander arbeitend, haben sich für eine gemeinsame Ausstellung im Künstlerhaus Göttingen zusammengeschlossen. Dort zeigen sie ihre Kunst unter dem ungewöhnlichen Titel „Urding und Unding“, der als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner ihrer Werke zu verstehen ist. Das Urding lässt an ein essentialistisches, modellhaftes Objekt im Sinne einer Urform denken, das Unding dagegen an ein völlig aus der Fasson geratenes, widersinniges Phänomen.
Die Polarität des Regelgeleiteten und des Regelwidrigen, die in diesen Begriffen angelegt ist, holt weit aus. Sie lässt an die Kalokagathia, der Verbindung des Guten, Wahren und Schönen in der Antike denken, wie an den Kult der Hässlichkeit, der nostalgie de la boue, der Sehnsucht nach dem Abjekten in der Ästhetik der Moderne. Für Scholz wie Plogsties haben solche Gegensätze keine Bedeutung. Als Künstlerin und Künstler der Postmoderne bedienen sie sich gleichermaßen bei vergangener wie gegenwärtiger Kunst und formen daraus Bilder für die Zukunft.
Die Aneignungsformen der beiden sind dabei völlig unterschiedlich. In der Malerei von Jochen Plogsties sind sie sicherlich leichter zu erkennen als in den Werken von Bettina Scholz. Aber sie sind auch bei ihr vorhanden. Nur lässt sie sich zu ihren Arbeiten stark von Musik, Film und Literatur anregen. Beiden gemeinsam ist dabei, im Fremden das Eigene zu entdecken und zum Ausdruck zu bringen. Das führt nicht allein zur unverwechselbaren Ästhetik ihrer Werke, sondern hat darüber hinaus auch den Vorteil, die Betrachtenden in subtiler Weise politisch zu bewegen.
Michael Stoeber
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