Mascha Kaléko & Gertrud Kolmar

Lyrikabend von Andreas Jeßing

Dauer
1 Stunde 15 Minuten
Erstaufführung
Oktober 2023

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Gedichte über die Tür nageln
Göttinger Tageblatt, 13. Okt. 2023

Andreas Jeßing präsentiert einen Abend mit Gedichten und Liedern von Mascha Kaléko und Gertrud Kolmar

Ein kleines Grammofon steht auf der Bühne, die Nadel kratzt über die Schellackplatte. So klang Musik in den 1920er-Jahren, wenn sie nicht live gespielt wurde. Der Schauspieler Andreas Jeßing will mit seinem Programm „In meinen Träumen läutet es Sturm“ dieses Lebensgefühl zwischen den beiden Weltkriegen anklingen lassen. Am Mittwochabend hatte er mit diesem Stück Uraufführung in der Spinnerei im Gartetal bei Klein Lengden. Mit diesem Programm wird er in den kommenden Monaten durch Südniedersachsen ziehen.

Das Lebensgefühl soll klingen. Dafür hat er Texte von zwei Schriftstellerinnen ausgewählt, „die in ihrem Schaffen kaum gegensätzlicher sein könnten“, hat Jeßing schon vorab erklärt. Gedichte aus dem Frühwerk der sehr bekannten Mascha Kaléko (1907-1975) und der nicht ganz so bekannten Gertrud Kolmar (1894-1943) hat er für diesen Abend zusammengestellt.

Ermordet in Auschwitz
Beide waren Jüdinnen. Kaléko überlebte die Nazizeit, weil sie in die USA emigriert war. Kolmar wurde 1943 von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet. Mit ihren Texten hat Jeßing sich auf eine „lyrisch-musikalische Spurensuche“ begeben – und ist dort offenbar fündig geworden. „Die Gedichte möchte man sich alle über die Tür nageln“, sagt Jeßing, der bis 2017 fest zum Ensemble des Deutschen Theaters Göttingen gehörte.

In drei Teile hat Jeßing den Abend gegliedert, mit einer Ausstellung vergleicht er die Dramaturgie. Im ersten Saal zeige er „Kleinigkeiten von Mascha Kaléko“, die ihre Gedichte selbst „Gebrauchslyrik“nannte. „Einmal aber sollte man“ – Es ist der Alltag, dessen Gleise wir vielleicht einmal verlassen sollten. „Ich freue mich vor allem, dass ich bin“, dichtete Kaléko, und: „Ich freue mich, dass ich ... dass ich mich freu.“ Gedichte und Lieder, die heute noch bewegen. Auch über ihre Kindheit hat Kaléko geschrieben. „Interview mit mir selbst“ hat Kaléko dieses Gedicht genannt und darin konstatiert: „Ich war kein einwandfreies Mutterglück. Und denke ich an jene Zeit zurück – ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.“

Ein Instrument namens Walther
Doch Jeßing trägt nicht nur Gedichte vor, er singt auch Lieder und begleitet sich selbst auf dem Akkordeon. „Walther“ heißt das Instrument, das schon zu Beginn auf der Bühne steht und auf seinen Einsatz wartet. Eines der bekanntesten Lieder singt er sehr bewegt: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“, ein Schellack-Schlager, den die Comedian Harmonists berühmt gemacht haben. Ebenfalls aus dieser Zeit: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, geschrieben von Friedrich Hollaender, gesungen von Marlene Dietrich.

Im zweiten Raum nach der ersten Pause hat Jeßing „zwei große Ölgemälde eingerichtet, richtige Schinken“. Zwei Gedichte von Kolmar hat er für diesen Raum vorgesehen, darunter „Die Stadt“, eines ihrer letzten und bedeutendsten Werke. Jeßing stellt dabei auch eine wesentliche Frage: Verändere das Wissen um den Tod im KZ den Blick auf das Werk?

Im dritten Raum des Abends berichtet Jeßing davon, dass auch Kaléko und Kolmar schon Lyrik über Umweltverschmutzung und Klimawandel geschrieben haben, über den „Weltgesundheitszustand“: „Die Erde siecht von Jahr zu Jahr.“

Jeßing ist ein gut ausgebildeter Schauspieler, das ist nicht zu übersehen. In den vergangenen Jahren hat er regelmäßig seinen selbst konzipierten Abend zu Wilhelm Busch an vielen Orten in Südniedersachsen gespielt und zahlreiche Besucher blendend unterhalten. Er trägt auch diesen neuen Abend mit viel Präsenz und transportiert dabei sehr viele Emotionen – vor allem auch, wenn er singt und Akkordeon spielt.

Einiges ist fröhlich an diesem Abend, vieles aber bedrückt und bedrückend. Zwei junge Frauen, die den Spaß am Leben suchten, ihn aber immer weniger fanden. „Nimm’s auf die leichte Schulter! Doch, du hast zwei. Nimm’s auf die leichte. Ich folgte diesem populären humanitären Imperativ. Und wurde schief. Weil es die andre Schulter auch noch gibt. Man muss sich also leider doch bequemen, es manchmal auf die schwerere zu nehmen.“ Das dichtete Kaléko. Und: „Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.“

Peter Krüger-Lenz // Göttinger Tageblatt

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