Im deutschen Mittelalter setzten so einige berühmte Frauen Maßstäbe in Sachen Kultur, Politik und Religion, die die Jahrhunderte bis in die Neuzeit hinein überdauerten. Damals beileibe keine Selbstverständlichkeit. Oftmals waren sie Äbtissinnen, Kaiserinnen oder Mystikerinnen. Sie nutzten ihre adelige Herkunft oder Klöster, um ihre Einflüsse ausüben und eigene Ideen umsetzen zu können. Zu den wichtigsten und bekanntesten Frauen zählen zum Beispiel Hildegard von Bingen als Universalgelehrte oder Adelheid von Burgund, Kaiserin des ostfränkisch-deutschen Reiches und Heilige. Doch man muss gar nicht so weit in die Ferne schweifen. Denn auch in unserer unmittelbaren Region, genauer gesagt in Bad Gandersheim, lebte und wirkte einst eine dieser herausragenden Persönlichkeiten namens Hrotsvit von Gandersheim. In der heutigen Zeit ist sie besser bekannt unter ihrem ins Moderne übertragenen Namen Roswitha von Gandersheim. Sie gilt als erste deutsche namentlich bekannte Dichterin und eine der frühesten Autorinnen in Europa.
Wenn man nach Bad Gandersheim fährt, kommt man an Roswitha, der wohl berühmtesten Tochter der Stadt, kaum vorbei. Es gibt in der gut 9.000 Einwohner zählenden und westlich des Harzes gelegenen Kleinstadt im Landkreis Northeim gefühlt an jeder Ecke etwas zu sehen oder zu entdecken, was voller Stolz ihren Namen trägt. Zu nennen wären da unter anderem ein Brunnen und Gedenkstein, ein besonderes Fenster in der Stiftskirche, ein Gymnasium, eine Klinik und Quelle. Sogar ein Literaturpreis ist nach ihr benannt worden, aber dazu später mehr. Doch wer ist nun diese Roswitha, die als erste deutsche Dichterin gepriesen wird und der Bad Gandersheim seit dem 09. April ein ganzes Themenjahr „Roswitha 2026 – 1.000 Jahre Literaturstadt Bad Gandersheim“ mit vielen Veranstaltungen und Aktionen widmet?
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Hrotsvit oder Roswitha war eine Stiftsfrau in Gandersheim. Unter einer Stiftsfrau (oder auch Kanonissin) verstand man eine Frau, die zwar in einer geistlichen Gemeinschaft lebte, aber kein Ordensgelübde, wie bei Nonnen üblich, abgelegt hat. Sie schrieb im 10. Jahrhundert erste Dramen seit der Antike, Historien und Heiligenlegenden — eingerahmt von der christlichen Moral ihrer Epoche. Keusch und sittenstreng möchte man meinen, doch hat ihr Werk mehr als nur das zu bieten. Es ist fast vollständig erhalten und wurde von ihr selbst in drei Bände gegliedert: die Heiligenlegenden, die Dramen im Stile des römischen Komödiendichters Terenz und letztlich die Historien zur Gandersheimer Stiftsgeschichte und zum Leben Kaiser Ottos I. In Anmerkungen zu ihren Büchern gab sie auch etwas von sich selbst preis, sei es ihre Selbstzweifel oder ihr künstlerisches Selbstbewusstsein. Offenbar hatte Roswitha damals einen solchen Eindruck damit hinterlassen, dass ihre Person von der Renaissance bis heute von vielen anderen Zeitgenossen thematisiert wurde, indem sie über sie schrieben und sie dabei ihrem eigenen Zeitgeist und Weltbild einverleibten.
Über Hrotsvits Leben ist nicht viel bekannt, nur wenig Zeugnisse sind erhalten. Als Hauptquellen gelten die Angaben ihrer eigenen lateinischen Werken. Ihr genaues Geburtsdatum ist ebenfalls nicht überliefert. Genannt werden die Jahre um 935/936. Wahrscheinlich trat Roswitha schon recht jung in das eng an die Liudolfinger (Ottonen) verbundene Familienstift zu Gandersheim ein. Es wird vermutet, dass sie zu einer adligen, aus Sachsen stammenden Familie, gehörte. Darüber hinaus verfügte sie über eine bemerkenswerte Bildung, die auch Kenntnisse einiger antiker Schriftsteller umfasste. Ihre eigenen Werke werden der „Ottonischen Renaissance“ zugerechnet. Sie entstanden etwa zwischen 950 und 970. Ihr Todesdatum ist ebenfalls nicht genau bekannt. Es wird angenommen, dass sie nach 973 verstorben ist.
Die Buchhandlung Pieper hatte zur Präsentation des Programms zum Roswitha-Jahr eigens hat einen Stand mit historischer Roswitha-Literatur eingerichtet.
1926, also vor genau einhundert Jahren, wurde Roswitha bereits mit „1.000 Jahre Roswitha von Gandersheim“ umfassend gedacht. Diese Feier war auch der Ausgangspunkt für die Idee einer Neuauflage. Das Roswithafest von 1926 bot somit einen historischen Anknüpfungspunkt für die kommenden Feierlichkeiten in 2026. Obwohl man damals von einem falschen Geburtsjahr ausging und das Jubiläum daher auf einer historischen Ungenauigkeit beruht, verstehen die heutigen Organisatoren diese Tatsache als Chance: „Die zeithistorischen Freiheiten eröffnen neue Möglichkeiten einer umfassenden, zeitgemäßen Auseinandersetzung mit Roswitha. Aus der Idee, im Jahr 2026 die historische Person Roswitha von Gandersheim aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und vielfältige Zugänge zu Leben, Werk und Einfluss zu schaffen, entwickelte die Arbeitsgemeinschaft eine erste Projektskizze für ein Roswithajahr“, heißt es vielversprechend in einer Pressemitteilung. Das Roswitha-Jahr werde von einem breiten Netzwerk aus Stadt, Stadtmarketing, Kulturinstitutionen, Vereinen, Initiativen sowie engagierten Bürgerinnen und Bürgern getragen. Es verstehe sich als ein gemeinschaftliches Projekt, das historische Traditionen aufgreife und in die Gegenwart übertrage.
Bad Gandersheim möchte daher nun seine besondere kulturelle Tradition in den Mittelpunkt stellen. Über 1.000 Jahre Literaturgeschichte prägen die Stadt bis heute. Im 10. Jahrhundert war das Frauenstift Gandersheim ein Ort außergewöhnlicher geistiger Freiheit und seiner Zeit voraus. Frauen konnten dort lernen, lesen, schreiben und eigenständig denken, was damals noch recht selten war. Roswithas Werke machen Bad Gandersheim zu einem der ältesten belegten Literaturorte Europas. Das ihr gewidmete Themenjahr transportiert dieses Erbe in die Gegenwart und feiert es mit einem bunten, abwechslungsreichen Programm, welches Vergangenheit mit Moderne verbindet und die Bedeutung Bad Gandersheims als Literaturstadt eindrucksvoll sichtbar machen wird. Verteilt über das gesamte Jahr werden vielfältige Anlässe entstehen, Literatur, Geschichte und Kultur aus verschiedenen Perspektiven ganz neu zu entdecken.
Im Klosterhof Brunshausen wurden Ende März die einzelnen Veranstaltungen zum Themenjahr "Roswitha 2026 – 1.000 Jahre Literaturstadt Bad Gandersheim" vorgestellt.
Den Auftakt dafür machte bereits die Eröffnungsfeier am 09. April in der Stiftskirche. Im Mittelpunkt stand dabei die Würdigung Roswithas und ihres literarischen Erbes. Die Veranstaltung bot den feierlichen Auftakt eines Jahresprogramms, welches mit der Verleihung des 50. Roswitha-Literaturpreises der Stadt Bad Gandersheim seinen feierlichen Abschluss im Spätherbst 2026 bilden wird. Damit wolle die Stadt ihre Position als Literaturstandort stärken. Seit 1973 wird dieser an herausragende Autorinnen vergeben. Er ist damit der älteste deutsche Literaturpreis für Frauen, der erstmals im Jubiläumsjahr in einem neuen Format verliehen wird. Damit solle die Auszeichnung zusätzlich an Gewicht und bundesweiter Sichtbarkeit gewinnen. Auch die Jury werde für die Jubiläumsverleihung mit überregional renommierten Persönlichkeiten aus dem Literaturbetrieb hochkarätig neu besetzt sein.
Im Juni vergangenen Jahres begannen schon die Vorbereitungen für das Roswitha-Spektakel. Die einzelnen Vorhaben wurden von den verschiedenen Organisatorenteams am 25. März in einem Pressegespräch näher vorgestellt. „Bad Gandersheim macht in 2026 Geschichte sichtbar. Und zugleich setzen wir ein starkes Zeichen für die Zukunft der Literatur. Mit unserem Themenjahr möchten wir Geschichte, Gegenwart und Zukunft eindrucksvoll miteinander verbinden“, erklärte Marie-Luise Kisters für das Stadtmarketing. Aufgrund der Vielzahl aller geplanten Aktionen und Veranstaltungen würde die einzelne Nennung eines jeden Termins den Rahmen dieses Artikels sprengen. Nur so viel sei verraten: Von Mittelalter bis Moderne – Literatur, Theater, Musik, Walking Acts, Geschichte oder Marktleben und anderes mehr – die angebotene Themenpalette ist groß und überaus vielfältig.
Schauen Sie daher immer mal wieder gerne auf unsere kulturis-Seite zu Bad Gandersheim oder auf die Webseite des Stadtmarketings Bad Gandersheim. Es lohnt sich auf jeden Fall, denn es ist für jeden Geschmack etwas dabei – egal, ob für junge, alte, ob für große oder kleine Besucherinnen und Besucher!
Vorstellung des Programms des Roswitha-Jahrs 2026
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