Für einen interessanten und vergnüglichen Abend

Buch über Marionettentheater des Spiele-Papstes Reinhold Wittig neu im Buchhandel

Veröffentlichungsdatum

Seit einer Woche ist es im Buchhandel zu haben: Ein Buch über den Spiele-Papst Reinhold Wittig. Doch die Spiele nehmen in dem Werk, zusammengestellt und herausgegeben von seinem Sohn Matthias Wittig, nur einen fast minimalistischen Raum ein. Das Buch „Reinhold Wittigs Collegium magicum“ ist, wie der Titel schon sagt, Reinhold Wittigs Göttinger Marionettentheater mit eben diesem Titel gewidmet. Es zeugt von seiner Leidenschaft für die Puppen, die er gebaut und ihnen Leben eingehaucht hat.
Kommt ein Besucher in Wittigs Wohnung, mag er sich schnell in eine andere Welt versetzt fühlen. Vor einer Wand hängt ein Reigen von Marionetten, ein Skorpion, ein Alien, ein Mammut und mehr, vor einer anderen Wand ein Turm von alten, durchaus dekorativen Koffern, alle voll mit weiteren der Spielfiguren. In den Bücherregalen finden sich Werke von E.T.A. Hoffmann und Edgar Allen Poe, Bildbände über Zirkus und Tanz, indische Plastik und chinesisches Theater. Der Besucher nimmt Platz auf einem Sofa, (nicht selbst-)gebaut aus einem Auto – einem Ambassador, das sei ein indisches Modell, weiß der Initiator des Göttinger Planetenwegs zu erklären. Daneben ICE-Sitze, andere Möbel aus Elementen der Luftfahrt. Der Raum ist wohl dem Unterwegssein gewidmet.
Unterwegs war der Geologe Reinhold Wittig oft. Insgesamt rund dreieinhalb Jahre verbrachte er in Namibia. Wesentliche Anregungen aus dem Land hätten sich in allen Facetten seines Werkes niedergeschlagen, schreibt der Sohn in seiner Retrospektive. Doch wie hat der Vater zu den Marionetten gefunden?

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„Als Kind war ich sehr viel krank“, erzählt Wittig. Lange habe er nur eine Stunde am Tag aufstehen dürfen. Und diese Stunde wollte geplant sein. „Das hat mein Leben geprägt“, sagt der Mann, der jetzt in seinem 87. Lebensjahr ist. Nur so könne er alles schaffen.
Mit zwei Jahren habe er sein erstes Bild gemalt. Weil er dafür die Rückseite der Schreibtischauflage seines Vaters gebrauchte, habe es reichlich Ärger gegeben. Das Gute: Das Bild gibt es noch heute. Es sei zufällig erhalten geblieben.
In seiner Schulzeit habe er eine große astronomische Arbeit geschrieben und auch Geräte dafür entwickelt. Früh habe er mit dem Töpfern begonnen. Seine Werke seien in Ausstellungen zu finden. „Es sind Sachen dabei, die wirklich gut sind“, sagt der selbstbewusste Künstler, der zum Broterwerb Geologie studierte.
Seinen Plan, die „ganze Weltliteratur“ zu illustrieren habe er nicht realisieren können. Bei E.T.A. Hoffmann und Cervantes sei es geblieben. Sogar Möbel habe er gebaut, ein Sessel sei im Auftrag der Großtante entstanden. Ein Enkelkind habe Interesse daran geäußert. Dort soll das Sitzmöbel auch hingebracht werden.
Die Marionetten habe Ihm einer seiner Mitschüler nahegebracht. An der Schule sei ein Workshop dazu angeboten worden. Doch dort sollte eine Bühne gebaut worden. Das interessierte Schüler Reinhold nicht. Lieber baute er seine ersten Marionetten. 1957, zu seinem Abitur, inszenierte er eine eigene Marionetten-Aufführung.

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Matthias Wittig mit einer selbstgebauten roten Ochsen-Marionette
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Matthias Wittig als "Verlag Kettler"

Inspiration fand Reinhold Wittig u.a. auf Resebecks Schrottplatz

Schnell entwickelte sich eine Verbindung zum Göttinger Marionettentheater „Die Klappe“. Doch seit 1964 trat RW – so wird er im Buch genannt – mit seinen Puppen unter eigenem Namen auf: Das „Collegium magicum“ wurde geboren.  Im Kutscherhaus der Lewin’schen Villa bekam das Theater seine eigene Bühne.
Sehr wichtig und erfolgreich ist der Auftritt des Collegium magicum bei der Bochumer Figuren-Theater-Woche ausgefallen. „Besonders hervorgehoben zu werden verdient das ,Collegium magicum“ aus Göttingen‘“, meinte Rudolf Schröder bei der Deutschen Welle am 15. April 1969. Ein Kriterium dafür waren die besonderen Titel wie „Autobahnkreuz Frankfurt/Main“ oder „Bunkerstadt“ mit dem Untertitel „Einigeln, Widerstand leisten, auch nachts sind die Luken geschlossen zu halten“. Eine Auszeichnung sieht Reinhold Wittig heute darin, dass die Besprechung im Buch über ihn zitiert werden durfte.

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Ein Metalkasten mit verschiedengroßen Löchern und der Aufschrift "EU-Kommission zur Definiton und Festlegung der Größe von Hotel-Zimmern Hier: Unter-Kommission B3: Insekten-Hotels. Raum-Modell (Für Art-spezifische Raum-Tiefe bitte Formular IRT2 anfordern.)
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ute Lawrenz

Wittigs Werke sind stets mit einem Augenzwinkern zu betrachten, wie hier bei seinem (angeblich von der EU-Kommission stammendem) Raum-Modell für Insekten-Hotels

„Wie kann ich das alles so erzählen, dass es für den Betrachter spannend wird“, war eine der Grundfragen, die Matthias Wittig sich bei der Gestaltung des Buchs gestellt hat. Ein Jahr Arbeit habe er in den ästhetischen Band mit knapp 350 Seiten gesteckt. Im März, April 2022 habe er mit der Arbeit begonnen, in diesem Frühjahr sei er fertig geworden. Mit elf Fotosessions in zwei bis drei Tagen sei das „sportlich“ gewesen, urteilt der Sohn des Marionetten-Künstlers, der nun in Berlin lebt, in seinem Rückblick. Dass manches nicht nach Plan gelaufen sei, sieht Matthias Wittig inzwischen als Vorteil: Das Ergebnis sei so lebendiger geworden. Und nicht alles von dem, was Reinhold Wittig erzählte, ist in dem Text des Sohnes wiederzufinden. Doch wer sich mit Matthias Wittig auf die Reise auf den Spuren von dessen Vater begibt, erfährt viel über den Schöpfer anderer Welten.
Wie eine Komposition beginnt das Buch in edlem, silbergrauem und leicht strukturiertem Einband mit einem Prelude, den ersten Vorspielen. Aus dem Dunkel erscheint der Feuervogel, Reinhold Wittigs erste Marionette, die er schon in seiner Schulzeit kreierte. Auf vielen sorgfältig inszenierten Fotos präsentiert Matthias Wittig weitere Kreationen und Wegbegleiter seines Vaters, die „mit dem Schicksal kämpfende Fee“, den Giraffenkäfer, die Erbtante und unzählige weitere schrullige Gestalten. Die Seele des Collegium magicum kann der Leser aus den Worten des Schriftstellers Alf Lierse erspüren. Auf einem „der erstaunlichsten Dachböden Göttingens treffen kaleidoskopartig alle Möglichkeiten zusammen, die einer Dachbodenexistenz ihren Glanz verleihen“ beschreibt dieser Wittigs Welt der besonderen Puppen.

Im zweiten Abschnitt zeigt Matthias Wittig szenische Entwürfe, die der Vater in seinem Tagebuch festhielt. Im Kapitel „Collegium magicum“ beschreibt er die Geschichte des Marionettentheaters in Göttingen, schildert Erfolge, zitiert Reaktionen der Presse. Des Vaters Zeit in Namibia mit ihrem Einfluss auf dessen Schaffen widmet Matthias Wittig ein viertes Teilstück. Gebührenden Platz räumt er Resebecks Schrottplatz als nie versiegende Quelle für besondere Bauteile in einem fünften Passus ein. Erst dann, in einem sechsten Kapitel, wird der Lebenslauf des kreativen Marionettenkonstrukteurs wiedergegeben – wohlgemerkt im Schnelldurchlauf. Hier findet Reinhold Wittig als Spiele-Erfinder und Gründer des Göttinger Spielautoren-Treffens seinen Platz.
Mit einem einfachen Kunstgriff macht der für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnete Buchgestalter Matthias Wittig die thematischen Abschnitte äußerlich als Einheit erkennbar: Jedes Kapitel hat eine eigene Farbe. Mal sind die Seiten rot, mal grün, mal lila und mal blau eingefärbt. Ungewöhnlich ist die Art, wie der Gestalter den überschaubaren Text gesetzt hat: im Blocksatz mit Schrägstrichen als Absatzzeichen. Die vielen Bilder auf festem Papier vermitteln ein gutes Gefühl beim Blättern.
Das alles zusammen lässt den Wunsch des Herausgebers für den, der sich Zeit nimmt, Wirklichkeit werden: „Ich wünsche Ihnen beim Betrachten dieses Buches genau das, was das Publikum des Collegium magicum ganz sicher bei jeder Vorführung hatte: einen hochinteressanten und vergnüglichen Abend!“ schreibt Matthias Wittig in seiner Einleitung oder im Buch „Introduktion“.
„Reinhold Wittigs Collegium magicum“, Hg. Matthias Wittig. Verlag Kettler, Bönen/Westfalen, 2023. 38 Euro.

Autor:in

Ute Lawrenz

Journalistin und Autorin des kulturis-Magazins

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Im Artikel genannt

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