Singen und Sein in der Chorgemeinschaft, das ist Markenzeichen des Göttinger Knabenchores. Neben qualitativ hochwertiger Chormusik wachsen dort Freundschaften fürs Leben. Auch um sich immer an die schöne Zeit im Chor zu erinnern, wird die „Göttinger Christvesper“ mit dem Göttinger Knabenchor und der Kammersymphonie Hannover am 13. Dezember um 18 Uhr in der Jacobikirche für eine CD live aufgenommen.
Von der Geschichte des Knabenchores kann einer seiner ersten Sänger erzählen: Herbert Schur, seit mehr als 30 Jahren im Vorstand und jetzt stellvertretender Vorsitzender dort, besuchte damals das Felix-Klein-Gymnasium. In dieser Schule wurde 1962 der Göttinger Knabenchor gegründet, ein Jahr nachdem Schur dort eingetreten war. Initiator war ein Musiker – Franz Herzog. Wegen des Zweiten Weltkriegs hatte es den Chor- und Konzertmeister von Dresden nach Göttingen verschlagen. Schon als Schüler hatte Herzog Auftritte mit dem Dresdner Kreuzchor geleitet und konnte sich nun am Göttinger Felix-Klein-Gymnasium als Musiklehrer einbringen. Aus dem Schulchor ist unter Herzogs Leitung der Knabenchor hervorgegangen und wurde so für Sänger auch aus anderen Schulen geöffnet.
Probe des Hauptchors mit Michael Krause und Nik Myers
Als Herzog 1980 die Chorleitung niederlegte, durchlitt der Chor bewegte Zeiten. Ein Grund dafür war die Schwierigkeit, die Chorleiterstelle zu finanzieren. Als Musiklehrer hatte Herzog Freistellungsstunden für die Chorleitung bekommen. Schur erklärt: Mit dem Ausscheiden des Musiklehrers seien die Stunden weggefallen. Um die schwierige Finanzlage zu meistern, sei der Förderverein als Trägerverein für den Chor gegründet worden. Doch dass die Zahl der Sänger sank, konnte dieser Schachzug nicht verhindern.
Der Neustart gelang mit Michael Krause. Der Musiklehrer am Otto-Hahn-Gymnasium übernahm den Chor 2003 und leitet den Knabenchor bis heute. Aus einem Rest von laut Schur nur noch „neun bis zehn Sängern“ sei der Hauptchor unter Krauses Leitung auf seine heutige Größe mit bis zu 60 Aktiven im Alter von neun bis 27 Jahren gewachsen. Zwar steige ein großer Teil der Sänger im Alter von 18 Jahren aus, erzählt der stellvertretende Chorleiter Nik Myers. Doch es gebe immer ein paar, die in Göttingen blieben und Bock hätten, weiter mitzumachen. So hat auch Chorsprecher Oscar Buschendorf sein Abitur schon in der Tasche. Doch eben wegen des Knabenchors habe er sein Informatikstudium in Göttingen begonnen.
Das Zauberwort für den Erfolg könnte Frühförderung heißen. Über die Frühförderungsgruppe an der Godehardschule sei er in den Vorchor gekommen, erzählt Nachwuchssänger Mathis. Und das ist wohl der übliche Weg. An fünf Göttinger Grundschulen gibt es solche Gruppen, über die die Jungen mit Talent zum Singen in den Vorchor des Knabenchors geleitet werden. Im Vorchor 1 sind die jüngeren Grundschulkinder, im Vorchor 2 die Dritt- und Viertklässler, insgesamt sind es etwa 30 junge Sänger.
Die Vorchöre mit Sebastian Kedziora am Klavier
Ziel der Frühförderung und des Vorchors sei es, die Kinder an die Musik heranzuführen, sagt Vorchorleiter Sebastian Kedziora und räumt ein: Viele Kinder kämen aus musikalischen Familien. „Meine Mama spielt Klavier, mein Opa Gitarre“, ruft wie zur Bestätigung einer seiner Youngster. Gustav erzählt: „Mein Bruder ist im Hauptchor.“ Und Joshua hat durch seinen besten Freund Zugang zum Knabenchor gefunden. Hier könne er seine Zeit mit Freunden verbringen. Außerdem mache es ihm Spaß, mit anderen Jungs zusammen zu singen. Nachwuchssänger Max betont: Wer den Artikel lese und Spaß habe am Singen, solle sich beim Knabenchor bewerben. „Wir haben noch Platz“, ist nicht nur seine Meinung. Die Zielstärke sei 70, bestätigt Schur.
Normalerweise seien die Vorchöre an den Chortagen nicht dabei, sagt ihr Leiter Kedziora. An diesen Tagen, jeweils ein Samstag im Monat, treffen sich die Sänger des Hauptchors, um sich musikalisch weiterzubilden. Aber diesmal nutzt auch Kedziora die Zeit, um für das Weihnachtsliedersingen im GDA-Wohnstift am 18. Dezember zu üben. „Stille Nacht“ singen seine 30 Jungen in den Vorchören als Letztes. „Ich will die ,Ts‘ hören“, fordert Kedziora, der dann nach sehr stark betonten Lettern meint: „Ihr sollt die Ts nicht nach mir schmeißen.“ Immer wieder fordert er Konzentration und Textkenntnis ein. Außerdem werden im Lauf des Vormittags die jungen Sänger einer nach dem anderen zur Stimmbildung bei Aleksandra Pokrywczyńska geholt. Doch schließlich, um 13 Uhr, ist Schluss für die Kleinen. Vor der Schule warten schon die Eltern, um ihre Stars in Empfang zu nehmen.
Für die an die 60 Jungen und junge Männer im Hauptchor geht die Probe noch eine Viertelstunde weiter. Hauptchorleiter Michael Krause nimmt jede Note ins Visier. Die gerade gesungene Passage sei nicht sauber, kritisiert er und macht vor, wie sie sich anhören sollte: „Froh hoh hoh“ lässt er die Töne klingen. Am Klavier werden die Sänger von Myers begleitet, als Solisten sind in diesem Lied Jan Hunger und Oskar von Bodenhausen im Einsatz.
Beim Mittagessen sitzen die Sänger in ihren Chorfamilien zusammen
Auch im Hauptchor heißt es nun Mittagspause. Damit es bei der Essensausgabe, die von Choreltern gemanagt wird, kein Chaos gibt, hat sich Chorsprecher Oscar Buschendorf wie immer etwas überlegt. „Heute gehen alle zuerst, die eine schwarze Hose anhaben.“ Es folgen die, die Chorhemd oder Chorpulli tragen, dabei reicht es nicht, ein solches in der Tasche zu haben. Dann geht der Sopran, danach alle, die eine Armbanduhr tragen, da hat der Chorsprecher mit weniger Abgängern gerechnet – doch egal, er macht weiter, bis alle unterwegs sind.
Was beim Mittagessen auffällt, sind die durchweg altersgemischten Gruppen. Das kann Buschendorf schnell erklären. Der Chor ist aufgeteilt in „Chorfamilien“, die sich zusammensetzen aus allen Altersgruppen, aus Neulingen und alten Hasen. Wenn mal was nicht passt, werde umgemodelt. Auch die Mutanten sind am Chor-Tag dabei, Mutanten, das sind die Jungen im Stimmbruch. Für sie werde je nach Möglichkeit weiterhin Stimmbildung (für die Männerstimmen: Florian Franke) betrieben, das musiktheoretische Verständnis werde geschult. „Wir freuen uns ja auch, unsere Chorfreunde zu sehen“, bekräftigt der engagierte Chorsprecher. In der Gemeinschaft, da ist sich Krause sicher, würden die Älteren auf die Jüngeren achten, die erfahrenen Sänger auf die Neuen, so lernten sie, Verantwortung zu übernehmen. Kein Problem, die Jungs in diesen Gruppen allein durch Paris oder durch Tokio zu schicken. Zur festgesetzten Zeit seien alle am Platz. Bei diversen Chorreisen nach Frankreich, Amerika oder Japan hat das Leitungsteam sich davon überzeugen können. In den Osterferien 2026 steht eine Reise nach Finnland auf dem Plan.
Während die Sänger nach dem Essen kurz rausgehen, vielleicht Fußballspielen oder drinnen einfach quatschen, ist für die Chorleiter und Organisatoren Zeit für Elterngespräche oder Betreuung der Sänger. Krause und Kedziora stimmen sich ab und überlegen beispielsweise, für wen der Wechsel in den Hauptchor ansteht. Zweimal jährlich, zur Weihnacht und im Sommer, werden solche Wechsel mit der Übergabe von den gelben Chorkutten gefeiert. Krause betont: Rituale seien wichtig.
Kuttenübergabe an acht neuen Hauptchoristen im Juni dieses Jahres mit Sebastian Kedziora und Stimmbildnerin Aleksandra Pokrywczyńska (links) und Michael Krause mit Nik Myers (v.r.)
Eindrücklich beschreibt Krause die besondere Situation, „in der Kinder mit Hochkunst-Chormusik konfrontiert sind“, der Knabenchor aber nicht über die Schulungsmöglichkeiten und das Potential wie an Musikinternaten verfüge. So eine Auslese sei im Knabenchor nicht möglich: „Wir singen mit dem Personal, was da ist.“
Geprobt wird montags mit Tenören und Bässen, Sopran und Alt treffen sich am Dienstag. Proben für den gesamten Hauptchor sind einmal in der Woche freitags. Ein Highlight sei freitags der Chorsport nach der Probe, meint Krause. Das gebe für manchen tatsächlich den Ausschlag, sich für den Chor und gegen den Sportverein zu entscheiden. „Sich kümmern um die Jugend, das ist das Geheimnis.“
Bei allem, was der Knabenchor leiste, scheinen Krause die Anerkennung für den Knabenchor und die finanzielle Lage nicht angemessen. Was dringend fehle, sei ein Chor-Heim mit Proben- und Stimmbildungsräumen, einem Büro, einem Sammelplatz für Noten und mehr. In dem Chor, der sich als „große Familie“ bezeichnet, darf auch ein Gemeinschaftsbereich nicht fehlen.
Apropos Familie: Auch die Eltern der Sänger sind an den monatlichen Chortagen miteinbezogen und helfen in Zweistundenschichten bei der Verpflegung. Für den Vormittag bringen sie belegte Brötchen, beim Mittagessen teilen sie wie schon gesagt das angelieferte Essen aus, den Nachmittag versüßen sie mit Kuchen, für zwischendurch stehen Obst und Gemüse bereit. Nach dem Mittagessen an diesem Chor-Tag erledigen Amelie Kelly und Markus Sailer in der Küche den Abwasch. Amelie Kelly ist als Bekannte eines Sängers für ein Elternteil eingesprungen, Markus Sailer kann gut mit den Chordiensten leben. In der Regel sei man ein- bis zweimal im Jahr dran.
Der Göttinger Knabenchor
Jetzt ist die Anspannung vor der Christvesper groß. In gut einer Woche soll sie mit Werken von Franz Herzog und anderen steigen. Der Chorgründer hat seine Christvesper, die 1962 uraufgeführt wurde, musikalisch durch neu vertonte Rezitative für Chor und Bläser dargestellt. In der Konzertankündigung ist zu lesen, dass der besondere Reiz darin liege, dass sowohl die Rezitative als auch solistische Beiträge den Knaben- und Männerstimmen des Chors übertragen seien und nicht professionell ausgebildeten Sängern: „So wird die Göttinger Christvesper für die jungen Sänger zu ,ihrer‘ Christvesper“, heißt es.
Der Chorsprecher Oscar Buschendorf sieht für die CD-Aufnahme in der Jacobikirche eine besondere Bedeutung. Natürlich kann jeder Interessierte den Tonträger nach seiner Fertigstellung kaufen. Für die Sänger sei die Live-Aufnahme in der Kirche eine „unfassbar tolle Erinnerung“ an den Chor mit seiner Riesenchorgemeinschaft.
Interessierte können sich dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr, unter Telefon 0551/632718 oder per E-Mail an kontakt@gkev.de beim Göttinger Knabenchor informieren und bewerben. Karten für die Göttinger Christvesper gibt es bei kulturis, Karten für das Weihnachtsliedersingen im GDA-Stift mit den Nachwuchschören des Göttinger Knabenchors am 18.12. unter www.gda.de/veranstaltungen/konzert-goettinger-knabenchor-gda-goettingen.
Wer sich schon ein wenig in Stimmung bringen will, kann sich im Folgenden einige der Aufnahmen des Chores der letzten Jahre anhören.
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