Künstlerin Kerstin Schulz und ihr Team haben in Lerbach Großes vor

Das ambitionierte Schwarmkunst-Projekt „PENvolution“ nimmt Gestalt an.

Veröffentlichungsdatum

Weitestgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit entsteht zur Zeit ein überaus ambitioniertes Kunstprojekt in Lerbach. Bereits im fünften Jahr werkeln dort Kerstin Schulz und ihr Team im unweit von Osterode am Harz gelegenen kleinen Dorf. Genauer gesagt in einem denkmalgeschützten Haus in der Friedrich-Ebert-Straße 196. „PENvolution“ heißt das ehrgeizige Vorhaben, welches wohl einzigartig in der Region sein dürfte und der sogenannten „Schwarmkunst“ zugerechnet wird. Mit Schwarmkunst kam Kerstin Schulz erstmalig 2011 beim Kunstprojekt „St. Michaelis im Schlussverkauf“ in Braunschweig in Berührung. Mit mehreren Schwarmkünstlern zusammen beklebte sie damals die Kirche mit Sonderpreisetiketten. Seitdem hat Schulz diese Kunstform für sich entdeckt. 2012 rief sie in Hannover eine Kunstaktion namens „Strich-Code“ ins Leben, bei der Millionen von Sonderpreisetiketten von zahlreichen beteiligten Menschen in der Altstadt von Hannover verklebt wurden. Dieses Projekt wurde ein Jahr später mit dem „Pro Visio“-Preis der Stiftung Kulturregion Hannover prämiert.

Was hat es mit diesem etwas ungewöhnlichen Begriff auf sich? Nun, einfach gesagt spricht man von „Schwarmkunst“, wenn viele Menschen gemeinsam Kunst machen. Künstler übertragen ihre kreative Leidenschaft und Schaffenskraft auf die Beteiligten, den sogenannten „Schwarmkünstlern“. Zusammen mit ihnen werden Kunstwerke erschaffen, die man als Einzelperson so nicht hinbekäme. Schwarmkunst ist somit eine zutiefst soziale, auf Interaktion beruhende Kunstform. Sie muss professionell in die Wege geleitet und angeleitet werden, setzt sich aber dann selbstständig fort. Dabei entstehen auch intensive Kontakte untereinander. Das Schöne daran ist, dass es sich um ein sehr niedrigschwelliges Angebot handelt, bei dem sich jeder, der möchte, beteiligen kann. Die Schwarmkunst kann eine andauernde Wirkung zeigen - vor allem in veränderten Einstellungen - sowie einen Abbau von Vorurteilen bewirken und Impulse für die Öffentlichkeit setzen.

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Das Schwarmkunstprojekt Schläuche panta rhei in Hannover 2023
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Kerstin Schulz

Das Schwarmkunstprojekt „panta rhei: stadt im fluss“ in Hannover 2023

Bislang ist geplant, im Herbst 2024 mit ersten Angeboten in Lerbach an den Start zu gehen. Bis 2026 soll ein Gebäude zu einem Bleistifthaus umgebaut sein. Noch sei dies eine Wunschvorstellung. Ob alles wie geplant fertig sein könne und werde, wisse man noch nicht mit Sicherheit. Letztendlich sei der zukünftige Veranstaltungsort ein altes denkmalgeschütztes Haus, welches mit Sorgfalt saniert werden müsse und das dauere seine Zeit. Jedoch seien im Haus schon einige Werke zu sehen. Zum Beispiel ein Wandbild, bestehend aus etwa 12.000 ausgedrückten Farbtuben. Oder die berühmte „Beige Hose“, die einst in Osterode für eine Schlagzeile sorgte. Einheimische wissen, was damit gemeint ist. Nicht zu vergessen ein Weisheits-Raum. Am Haus selbst sind schon Bleistifte in die Fassade mit dem Segen des Denkmalschutzes eingearbeitet worden. Sie wurden kostengünstig von einem namhaften Bleistift-Unternehmen zur Verfügung gestellt. Überhaupt werden die genannten Bleistifte zukünftig eine ziemliche Rolle spielen.

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Die Künstlerin Kerstin Schulz arbeitet an dem Schwarmkunstwerk eines Wandbildes, bestehend aus etwa 12.000 ausgedrückten Farbtuben
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ralf Gießler

Aus etwa 12.000 ausgedrückten Farbtuben besteht dieses Wandkunstwerk

Im Gespräch mit unserem Kulturmagazin erklärt die aus Gehrden stammende Künstlerin Schulz die genauen Pläne in Lerbach und was es damit auf sich hat.

Frau Schulz, was muss man über Sie wissen?

Mein Name ist Kerstin Schulz, und ich wohne in Gehrden bei Hannover. In Hildesheim, Hannover, Manchester und Hamburg habe ich studiert. Zuerst Grafikdesign, dann Bildende Kunst, beides mit Diplom. Darüber hinaus bin ich Meisterschülerin bei Verena Vernunft. Meinem Mann, Dr. Jan Teßmer, gehört das Haus in Lerbach, welches wir gerade für unsere Zwecke umbauen. Es soll für uns als zukünftiger Veranstaltungsort dienen.

 

Was planen Sie konkret in Lerbach? Sie sprechen ja entweder von „PENvolution“, „PENvolution/Bleistifthaus“ oder „PENvolution Realität +“. Ist damit stets dasselbe Projekt gemeint? Und wie ist der Stand der Sanierungsarbeiten?

Generell ja. Nur für unsere gestellten Anträge haben wir das getrennt: Einmal in „PENvolution/Bleistifthaus“ - das ist im Groben die Sanierung und das Zurechtmachen des Hauses, so dass wir da Schwarmkunst und eine Schlafinstallation umsetzen können. „PENvolution Realität +“ ist die digitale Variante, wo man dann Workshops mit verschiedenen Realitäten umsetzt. „PENvolution Realität +“ umfasst somit eine künstlerische Erweiterung in die digitale Welt, um eine visuelle Verflechtung beider Welten, der analogen und digitalen zu erreichen. Wir planen in Lerbach zudem ein Bleistifthaus aufzubauen. Thema: „PENvolution - Kommunikation und Kreativität im Wandel durch die Digitalisierung“. Oder einfacher umschrieben „Wandel der Kommunikation zwischen Analog und Digital“.

Ein bestehendes Bleistiftzimmer - gebaut aus 500.000 Bleistiften - gibt es schon. Bislang ist es auseinandergebaut, es ist also erst in Planung. Das Bleistifthaus ist für Besucher gedacht, die ein VR, ein virtuelles und reales Übernachtungserlebnis zum Thema „Kommunikation im Wandel der Zeit“, erfahren möchten, Stichwort „Erlebnisschlaf“. Nach Fertigstellung ist das Ziel, eine Plattform für Kreative und Kunstinteressierte in Lerbach zu schaffen und nebenbei innovative Techniken niedrigschwellig zu vermitteln. Darüber hinaus soll eine Werkstatt und Lager für Schwarmkunstprojekte zur Verfügung stehen. Der Stand der Sanierungsarbeiten sieht so aus: Die ersten Räume für das Fab-Lab (Fabrikationslabor) und die Werkstätten sind fertig. Ein Fab-Lab dient dazu, Sachen auszuprobieren.

Sie sagen, dass Ihr Projekt „PENvolution“ nach den Auswirkungen der digitalen Revolution fragt, also die Frage stellt: Wie weit kann die Verlagerung des Lebens in virtuelle Welten noch gehen? Wie empfinden Sie selbst die Auswirkungen der digitalen Revolution, in der wir uns gerade befinden?

Das ist natürlich eine unglaublich komplexe Frage. Ich reduziere das etwas auf meinen Berufsstand, die Bildenden Künste. Die digitale Revolution, alles was neu ist, verunsichert einen erstmal. Aber nach meiner Meinung ergeben sich dort auch immer Chancen. Zum Beispiel die Jugend, die sehr im Gaming-Bereich unterwegs ist, hat ein fantastisches dreidimensionales Vorstellungsvermögen mit Bewegung. Also wenn ich das in meiner Generation anschaue, ist es dort fast gar nicht vorhanden. Der Tastsinn usw. geht mehr verloren. Es kann sein, dass sich Bildende Künstler total verändern müssen, um sich mit den neuen Wirklichkeiten auseinander zu setzen.

Und dementsprechend haben wir ja das Projekt mit der „Realität +“ in die Welt gesetzt. Wie verändert sich die Wahrnehmung, was ist real und was nicht, wo verschwimmen gar die Übergänge? Es ergeben sich somit auch neue Chancen. Die Möglichkeiten sind erstaunlich neu, wo man als Bildender Künstler viel forschen kann. Nach meiner Erfahrung sind fortschrittliche Entwicklungen nicht aufzuhalten. Alles, was praktisch ist, wird sich durchsetzen. Man kann es ängstlich beschauen, aber auch probieren, die Vorteile, die diese Techniken mit sich bringen, herauszuarbeiten. Also ich gehe mit großer Freude und Mut daran, mich immer weiter zu bilden.

 

Sie erwähnen vorgeschaltete Workshops und begleitete Aktionen - was kann da man erwarten?

Schwarmkunst ist prädestiniert, auch Gruppen einzubeziehen, die von Beteiligungsprozessen sonst schwer zu erreichen sind. Es entsteht ein sich ständig wandelndes Kunstwerk mit wechselnder Beteiligung. Keine Teilnahme gleicht einer vorherigen. Die Workshop-Teilnehmer sollen sowohl individuell als auch in Gruppen arbeiten, um verschiedene Perspektiven auf das Thema „Realität +“ zu generieren. Hierbei entstehen dann kleinere Kunstobjekte wie zum Beispiel Bleistift-Skulpturen im realen und ganze VR-Bleistift-Welten im sogenannten „real +“. Von kleinen analogen Würfeln oder Strichmännchen aus Bleistiften bis hin zu größeren Objekten, wie beispielsweise die Eseltreiber-Skulptur aus Osterode oder die erste Volksbank in Lerbach. Im digitalen Raum können die Teilnehmer ihrer Phantasie nachgehen. Nach den Workshops sollen die Resultate im Bleistifthaus sowohl real als auch virtuell ausgestellt werden. Das Projekt „PENvolution/Bleistifthaus“ ist zudem langfristig angelegt. Das bedeutet, dass auch nach Projektabschluss weiter gestaltet werden soll, denn das Bleistifthaus wird regelmäßig für die Öffentlichkeit geöffnet sein. Dadurch eröffnen sich immer wieder neue Erlebniswelten auch bei wiederholten Besuchen - real und real +.

Was bedeutet Schwarmkunst denn für Sie, wo liegt für Sie der Reiz?

Die Schwarmkreativität in der Gruppe entwickelt den Reiz. Schwarmkunst kann eine anhaltende Wirkung vor allem in veränderten Einstellungen und dem Abbau von Vorurteilen zeigen sowie Impulse für die Öffentlichkeit setzten. „PENvolution“ sucht nicht die Lösung, sondern zeigt uns Wege zur Auseinandersetzung mit dem Thema; und zwar unmittelbar, mit einfachsten Mitteln. „PENvolution“ hat keinen Fokus auf fertige Konzepte oder Vollständigkeit. Bei Schwarmkunst-Aktionen werden ursprünglich passive Betrachter zu aktiven Gestaltern. Trotz der vielleicht für viele Menschen abschreckenden Komplexität eines Themas gelingt durch die künstlerische Umsetzung eine intensive Inklusion; sie ist die Grundlage für einen umfassenden Austausch.

Der Bleistift dient dabei nicht nur als künstlerisches Gestaltungswerkzeug. Er ist auch ein Symbol dafür, dass man mit einfachen und bewährten Mitteln weit kommen kann. Das Projekt „PENvolution/Bleistifthaus“ fragt nach den Auswirkungen der digitalen Revolution, zum Beispiel: Wie weit kann die Verlagerung des Lebens in virtuelle Welten noch gehen? Was bedeutet das für unser Selbstverständnis und unser soziales Miteinander? Wie verändert sich unsere Kommunikation? Wie wichtig bleibt bei aller Digitalisierung die reale, analoge Welt? Alles Fragestellungen, die ich als spannend empfinde.

 

Sie möchten Kooperationen mit Vereinen und Organisationen eingehen. Gibt es schon welche?

Bislang gibt es noch keine schriftlichen Kooperationen, aber vielversprechende Gespräche. Mit vielen Vereinen sind wir bereits im Gespräch, mündliche Zusagen sind getätigt. Interessierte Gruppen können uns gerne ansprechen. Mit der Volksbank werden wir kooperieren, mit der Stadt Osterode am Harz ist es in Arbeit.

 

Immer wieder ist von Begriffen wie zum Beispiel „IoT“ oder „virtuellen Werkzeugen“ zu lesen - was versteht man darunter?

„IoT“ ist das Internet of things, also das Internet der Dinge. Ein schönes Beispiel virtueller Werkzeuge in der Kunst ist in einem kleinen Film auf www.youtube.de zu sehen. Dort einfach mal „Live Performance at the Louvre Museum Paris“ in das Suchfeld eingeben. Dort kann man einer Künstlerin dabei zusehen, wie sie mit virtuellen Werkzeugen in einem virtuellen Bild malt. Das Bild sieht sie über ihre getragene VR-Brille.

 

Außer, dass das Haus als zukünftiger Veranstaltungsort Ihrem Mann gehört - er ist ja auch Teammitglied - : Gab es noch andere Gründe, warum Sie nach Lerbach in den Harz gekommen sind?

Ja, die gibt es. Denn Lerbach liegt als zukünftiger Veranstaltungsort schön zentral im Herzen Deutschlands und ist auch mit dem ÖPNV oder per Rad gut zu erreichen. Außerdem gibt es kulturelle und gastronomische Angebote in der Nähe.

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Die Künstlerin Kerstin Schulz schaut aus der Tür eines gelben Hauses hinaus mit grünen Streben, in denen Bleistifte eingearbeitet sind
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ralf Gießler

In diesem denkmalgeschützen Haus in der Lerbacher Friedrich-Ebert-Straße 196 werden zukünftig tolle Kunstprojekte, Workshops und weitere Aktionen stattfinden können

Solch ein ehrgeiziges Vorhaben wie „PENvolution“ ist allein natürlich nur schwer umsetzbar. Die Idee dazu sowie die künstlerische Leitung obliegt bei der Künstlerin Kerstin Schulz. Zum Team gehören zusätzlich noch:

Schwarmkunst e.V. als Projektträger:

Der Verein fördert Schwarmkunstvorhaben, insbesondere durch Unterstützungsarbeiten.

Team „atelier-dreieck“:

Unter dem Markennamen „atelier-dreieck“ arbeitet Kerstin Schulz bereits seit mehr als 2 Jahrzehnten mit anderen Freischaffenden je nach Notwendigkeit zusammen.

Perico Teßmer und Dennis - Programmierung:

Die Game Design-Studenten (IU Internationale Hochschule) tragen für die Programmierung virtueller Welten Verantwortung. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in der Spieleentwicklung.

Wolf-Dieter Zorn – Marketing:

Der Werbefachmann begleitet seit Jahren künstlerische Aktivitäten mit fachlicher Expertise und praktischer Unterstützung. Außerdem kümmert er sich um die Materialbeschaffung und das Networking, damit das Bleistifthaus bekannt wird.

Dr. Jan Teßmer – bauliche und institutionelle Leitung:

Eigentümer des denkmalgeschützten Hauses in Lerbach, dem zukünftigen Veranstaltungsort. Er unterstützt die Arbeiten planerisch und berät in technischen sowie administrativen Fragen.

 

Das ganze Projekt wird von einem Foto-Blog und multimedial auf Sozialen Medien begleitet, um dadurch eine weit über die eigentliche Region hinaus entsprechende Medienresonanz zu erreichen.

Autor:in

Ralf Gießler

Journalist und Autor des kulturis-Magazins

Fokus

Fokus

Im Artikel genannt

Im Artikel genannt

Bleistifthaus

Adresse
Friedrich-Ebert-Str. 196, Osterode am Harz/Lerbach