Wer hat die Macht, wenn keiner mächtig ist?

Scharfer Blick-Rezension zu „Wir Perser“

Veröffentlichungsdatum

Persien und Griechenland befinden sich im Krieg. Männer und Brüder, Söhne und Enkel stehen mit König Xerxes auf den Schlachtfeldern. Die Daheimgebliebenen (zu jung oder zu alt, zu schwach oder zu krank, zu wenig kriegerisch oder zu weiblich) befinden sich seit Jahren in einem Zwischenzustand, im Luftanhalten, in der Schwebe zwischen Leben und Tod. Sie halten mit aller Macht einen Übergangsstatus aus Hoffnung und Furcht aufrecht.

Dann treffen endlich Nachrichten vom Schlachtfeld ein- die sich widersprechen, verschiedene Perspektiven einnehmen, unterschiedlich dramatisch sind- aber doch im Kern deutlich machen, dass niemand zurückkehren wird.

Nun holt das persische Volk Luft und beginnt über eine neue Ordnung der Macht nachzudenken. In Einzelnen regt sich der Wunsch nach Veränderung und Widerstand. Ideen einer Demokratie und eines Matriarchats werde geboren. Worte werden zu einer mächtigen Waffe. Während in Persien das Wasser steigt, stellt sich dabei für jede/n die Frage »Wer bist du, wenn du mächtig sein kannst?«

Ivana Sokola überschreibt das Drama »Die Perser« des griechischen Dichters Aischylos, indem sie das Bild eines kollektiven Zustandes zeichnet, der sich im Schicksal jeder einzelnen Figur widerspiegelt. So ermöglicht sie den Zuschauer*innen einen tiefen, individuellen Blick in die Geschichte. Dabei gelingt ihr, u.a. durch den eindringlichen Pro- und Epilog, eine subtile und authentische Verortung antiker Geschehnisse im 21. Jahrhundert. Aktuelle Themen (wie z.B. Feminismus, Individualität und Verantwortung) spiegeln sich stetig in der Handlung wider und schaffen Identifikationsräume.

In der Inszenierung am deutschen Theater unter der Regie von Branko Janack wird die Feinfühligkeit der Autorin in einem reduzierten Bühnenbild aufgegriffen. Dieses spielt in besonderer Weise mit dem Element Wasser und entfaltet erst mit voranschreitender Handlung sein eindrucksvolles Potenzial, indem das gesamte Theater in spiegelnde Reflexionen getaucht und eine einzigartige Spiel- und Bewegungsweise des Ensembles möglich wird. Auch die Kostüme (beides Moïra Gilliéron) untermalen über Details den Rahmen der Handlung und deuten einzelne Elemente pointiert an, ohne plakativ im Fokus zu stehen.

Das Ensemble wechselt eindrucksvoll zwischen zunächst irritierendem, humorvollem Chargieren und intensiven Szenen und gestaltet so eine große Bandbreite an Emotionen – bis zum tiefen Fall. Die kollektive Aktion im Chor erzeugt eine eindrucksvolle Dramatik, rückt das ›Wir‹-Gefühl immer wieder in den Fokus und verstärkt die machtvollen Botschaften, die dann doch ungehört verhallen. Besonders Andrea Strube als Atossa begeistert als Gegenüber des Chors durch ihre besonnene Darstellung und ihre starke Präsenz.

Der Regisseur Branko Janack schafft durch Elemente der direkten Ansprache und Interaktionen im Zuschauerraum sowie durch das Spiel auf der Vorbühne eine große Nähe zum Publikum. Die Betrachter*innen werden vom Geschehen gefesselt und emotional angesprochen, sodass das Stück noch lange nachwirkt.

»Wir [sind die] Perser« ist inhaltlich wie auch künstlerisch in vielen Momenten spür- und erlebbar. Dem gesamten Theaterteam gelingt eine facettenreiche, aktuell relevante Inszenierung mit vielfältigen, subtilen Botschaften, die mit eindrucksvollen Stilmitteln zum tiefen ›Eintauchen‹ in die Handlung einlädt.

Bild
Szenenfoto aus "Wir Perser"
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Thomas Aurin als "Deutsches Theater Göttingen"

Im Hintergrund: Nathalie Thiede, Marco Matthes, Tara Helena Weiß, Leonard Wilhelm, Jenny Weichert. Im Vordergrund: Paul Trempnau

Dieser Artikel erschien zuerst im Blog des Deutschen Theaters Göttingen und wurde verfasst von einem Mitglied des Kritiker*innenclub „Scharfer Blick“.
Die Mitglieder des Kritiker*innenclubs treffen sich regelmäßig, besuchen Premieren des Deutschen Theaters, tauschen sich aus und verfassen Rezensionen über das Gesehene. Redaktionell verantwortlich sind die Autor:innen.

Zum kostenlosen kulturis-Newsletter anmelden und nichts mehr verpassen!

Wir informieren dich immer freitags über die Veranstaltungstermine der kommenden Woche, spannende Kulturthemen und neue Funktionen bei kulturis.

Wir nutzen Brevo für den Newsletterversand. Wenn du das Formular ausfüllst und absendest, bestätigst du, dass die von dir angegebenen Informationen an Brevo zur Bearbeitung gemäß den Nutzungsbedingungen übertragen werden.

Verfasser:in

Sarah Semmelroggen-Tumm

Mitglied des Scharfer Blick-Kritiker*innenclubs des Deutschen Theaters

Scharfer Blick

Der Kritiker*innenclub des Deutschen Theater Göttingen

Fokus

Fokus

Im Artikel genannt

Im Artikel genannt
Bild
Illustration zum Stück Wir Perser
Aufführung

Wir Perser

dt.1

Irgendwo auf dem Land wartet ein Volk auf Nachricht. Eigentlich kein Volk mehr, eher die Reste einer Gesellschaft, die Daheimgebliebenen, die der Krieg nicht gebrauchen konnte, die Frauen und Kinder, die Kranken, Alten und Versehrten. Die Kriegsfähigen sind schon vor langer Zeit ausgezogen. Die...

Bild
Szenenfoto aus "Wir Perser"
Rezensionen

Jede*r hat eine eigene Geschichte

Scharfer Blick-Rezension zu „Wir Perser“

Bei moderner Musik, unter anderem wird Abba gespielt, erfolgt der Einlass, wobei der eiserne Vorhang als Bühnenhintergrund mächtig und kalt wirkt. Mit dem Auftritt eines futuristisch gekleideten...

Andreas Arnemann
Scharfer Blick
Veröffentlichungsdatum

Kommentare

Kommentare