Grenzlandmuseum Eichsfeld

Verbindung von Geschichte, Kultur und Politik

Veröffentlichungsdatum

40 Jahre lang trennte die innerdeutsche Grenze die Menschen im Eichsfeld, Freunde und Angehörige, voneinander. 1973 wurde an der B 247 der Grenzübergang Duderstadt-Worbis eröffnet, ein militärisch bewachtes und von der SED kontrolliertes Nadelöhr im Grenz-Bollwerk, um vor allem Reisenden aus dem Westen Besuche zu Verwandten in der DDR zu ermöglichen. Heute befindet sich an diesem historischen Ort das Grenzlandmuseum Eichsfeld, das sich als Gedenk-, Erinnerungs- und Bildungsstätte weit über die Region hinaus etabliert hat. Vor allem dem Engagement von Eichsfeldern in Niedersachsen und Thüringen ist es zu verdanken, dass ein wesentlicher Teil der Gebäude und Grenzanlagen überhaupt erhalten blieben.

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Die B 247 ist heute bei weitem nicht mehr so verstopft wie in den 1970-er Jahren zu Feiertagen, wenn Eichsfelder aus dem Westen ihre Verwandten im Osten besuchen wollten und stundenlang am Grenzübergang auf ihre Einreiseerlaubnis warteten – oder wie kurz nach der Grenzöffnung 1989, wo die Trabbikolonnen unter dem Jubel der an der Straße stehenden Menschen nach Duderstadt rollten. Die Sperr- und Kontrollvorrichtungen direkt auf der Straße wurden nach der Wiedervereinigung abgebaut. Doch viele der originalen Gebäude des Grenzübergangs sind noch vorhanden. Ein moderner Anbau beherbergt heute den Besucherservice des Museums, Seminarräume und den Eingang zum Ausstellungsbereich im Hauptgebäude.

Das Grenzlandmuseum wurde am 11. November 1995 eröffnet. Ziemlich genau sechs Jahre zuvor, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, hob sich um 0.35 Uhr endgültig der Schlagbaum zwischen Duderstadt und Worbis. Kontrollen, Schikanen, Einschüchterung und Zwangsumtausch beim Passieren der innerdeutschen Grenze waren von da an Geschichte.

Im Grenzlandmuseum Eichsfeld werden die historischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts multimedial aufbereitet. Themenkernpunkte sind die Entstehung der innerdeutschen Grenze, das Grenzregime der DDR, Zwangsaussiedlungen, Fluchtgeschichten in der Region Eichsfeld und schließlich der Fall der Grenze und die deutsche Wiedervereinigung. Gleich zu Beginn der Ausstellung im Hauptgebäude wird den Besucher*innen anhand von Videosequenzen verdeutlicht, wo auch heute Grenzen als unüberwindbar gelten und wo Menschen aus Diktaturen fliehen.

In den Außenbereichen rund um das Museum und auf dem Grenzlandweg zwischen Niedersachsen und Thüringen wird anhand der originalen Anlagen und mit informativen Schautafeln verdeutlicht, mit welchem Aufwand das SED-Regime die Grenze bewachte. Wer hier heimlich hinüber wollte in den Westen, riskierte sein Leben. In unmittelbarer Nähe des Museums, am heutigen Grünen Band, befindet sich ein Holzkreuz, das an den damals 19-jährigen André Rößler erinnert, der hier 1976 bei seinem Fluchtversuch starb.

Doch auch diejenigen, die mit einem Visum die Grenze passieren wollten, mussten sich auf langwierige, oft auch entwürdigende Kontrollen gefasst machen. Heute sind Zollabfertigung und Passkontrolle, Arrestzellen, Waffenkammer und Personenschleuse zu besichtigen. Der Mühlenturm, ein Überbleibsel der einstigen Mühle des Klosters Teistungenburg, wurde mit dem Bau des Grenzübergangs Anfang der 1970-er Jahre als Überwachungsturm eingerichtet. Tag und Nacht beobachteten DDR-Grenzsoldaten von dort oben den gesamten Grenzübergang sowie die Umgebung bis zum niedersächsischen Teil des Pferdebergs. Heute gehört der Mühlenturm zum Ausstellungsbereich des Museums.

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Multimediale Ausstellung im Grenzlandmuseum Eichsfeld
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Claudia Nachtwey

Bei Veranstaltungen, in Ausstellungen und Projekten wird Geschichte multimedial aufbereitet.

„Um die Aufgaben und Ziele des Grenzlandmuseums zu beschreiben, möchte ich Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora zitieren: Gedenken braucht Wissen“, sagt die Historikerin und Museumsdirektorin Mira Keune. „Wir möchten Raum geben zum Informieren und zum Bilden einer eigenen Meinung. Unser historischer Ort zeigt, was die Abwesenheit von Demokratie bewirken kann. Wir möchten Wissen vermitteln und das Bewusstsein dafür stärken, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Unsere Bildungsangebote hinterfragen historische und gegenwärtige Entwicklungen mit dem Ziel, Demokratie zu stärken und zu bewahren“, erläutert Mira Keune.

Geschichtsinteressierte Menschen aus allen Teilen der Welt besuchen die Ausstellungen, allein 2023 wurden bis November deutlich über 50.000 Gäste gezählt. Menschen aus der Region kommen regelmäßig zu Vorträgen, Lesungen, Sonderausstellungen und Gedenktagen. Schulen aus Niedersachsen und Thüringen, aber auch aus anderen Bundesländern, nehmen an den Bildungsangeboten und Workshops teil, Naturfreunde und historisch Interessierte wandern und radeln entlang des Grünen Bandes und informieren sich über Flora, Fauna und die Geschichte der Region.

Außerdem umfasst die Museumsbibliothek mehr als 30.000 Medieneinheiten, darunter sowohl literarische Werke aus der DDR als auch weiterführende Literatur zur Geschichte der deutschen Teilung. Im Museumsarchiv werden Fotos, Dokumente und Objekte gesammelt, die Aufschlüsse zur Geschichte der deutschen Teilung geben. Zu besonderen Gedenktagen werden Zeitzeugengespräche angeboten, aber auch Konzerte, Filmvorführungen, Videoinstallationen und Fotoausstellungen gehören zu den vielfältigen Programmpunkten im Jahresverlauf.

„Aufarbeitung tut weh, und wir legen hier den Finger in die Wunde. Aber wir blicken auch nach vorn“, erklärt die Museumsleiterin. Von internationalen Gästen sei immer wieder Lob zu hören über die Art, wie Deutschland mit Aufarbeitung umgehe und gegen das Vergessen ankämpfe – aber dank der Reflexion auch nach Möglichkeiten suche, die Zukunft besser zu gestalten.

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Mira Keune, Direktorin des Grenzlandmuseums Eichsfeld
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Claudia Nachtwey

Mira Keune, Direktorin des Grenzlandmuseums Eichsfeld

Eine solche Chance bot der einstige Todesstreifen entlang der innerdeutschen Grenze nach 1989. Heute zieht sich statt des Grenz-Bollwerks das Grüne Band von der Ostsee bis nach Bayern – und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als größtes europaweites Naturschutzprojekt von Finnland bis ans Schwarze Meer.

Nach der Grenzöffnung 1989 ist es vor allem den beiden damaligen Eichsfelder Bürgermeistern, dem Duderstädter Wolfgang Nolte und dem Teistunger Horst Dornieden, zu verdanken, dass die Gebäude und ein Großteil der Außenanlagen des einstigen Grenzübergangs nicht der Abrissbombe zum Opfer fielen. Wolfgang Nolte hatte sich schon im Sommer 1990 auf allen politischen Ebenen dafür eingesetzt, diesen Ort als Gedenkstätte zu bewahren. Der Museumsverband Südniedersachsen (inzwischen aufgegangen im Landschaftsverband Südniedersachsen) hat die Konzeption für das Grenzlandmuseum erstellt, das am 11. November 1995 eröffnet wurde und dank vieler Förderer und Sponsoren 2010 um ein interaktives Museumskonzept erweitert werden konnte. Bis 2022 wurden 1,5 Mio. Besucher*innen gezählt. Horst Dornieden und Wolfgang Nolte sind bis heute die Vorsitzenden des Trägervereins des Grenzlandmuseums Eichsfeld.

 

Öffnungszeiten:

Täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr.

Der Grenzlandweg zwischen Niedersachsen und Thüringen ist jederzeit frei zugänglich.

Infos:

www.grenzlandmuseum.de

Autor:in

Claudia Nachtwey

Gründerin von Clanys Eichsfeld Blog und Autorin des kulturis-Magazins

Fokus

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Im Artikel genannt

Im Artikel genannt
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Das Museumsgebäude
Vortrag

Zeitzeugenpodium zu Fluchten aus der DDR

„Seit der Gründung im Jahr 1995 nutzten mehr als 1.500.000 Gäste die Bildungsangebote innerhalb und außerhalb des Museums. In diesem Jahr wurde die Marke von 900.000 verkauften Tickets für die Dauerausstellung erreicht. Diese besondere Zahl nimmt der Trägerverein des Grenzlandmuseums zum Anlass, um...

Grenzlandmuseum Eichsfeld

Gedenkstätte – Lernort – Archiv der deutschen Teilung

Adresse
Duderstädter Straße 7, Teistungen